Winter Pastels – im Interview mit der Naturfotografin Hanneke Van Camp


Leonore HerzogText / Fotos

The true north in heart ─ Hanneke van Camp über die Faszination Skandinaviens

Übersetzung des Original-Interviews aus The Female Explorer Ausgabe #5

Neblige Berglandschaften in Pastelltönen, tief stehendes Licht eingefangen zwischen verschneiten Rinden und Baumkronen. Die Biologin Hanneke van Camp locken Morgenstunden in der kalten Weite und die Aussicht auf stille Begegnungen mit der Tierwelt aus dem warmen Bett. Die Belgierin verbringt so viel Zeit wie möglich in der Natur, ihr Herz hat sie an die eisigen Landschaften Skandinaviens verloren. Ins „richtige Licht“ getaucht, erinnern die Motive an gemalte Pastelle und charakterisieren die Ästhetik ihrer Fotografie stark. Mit jedem ihrer Werke zeigt sich Hannekes tiefe Verbundenheit und Bewunderung für die Natur des Nordens.

Oarjemus Stubbá, Muddus Nationalpark, Schweden.

Hanneke, wie kamst du als Biologin dazu, Fotografin zu werden?

Meine Liebe zur Natur und dem Draußen-Sein war schon immer ausgeprägt und hat mich dazu gebracht, Biologie zu studieren. Im Laufe der Jahre wollte ich die Natur zuhause und auf Reisen nicht mehr nur erleben, sondern auch festhalten. Dabei wurde ich von Fotografen wie Ansel Adams, Carleton Watkins oder Paul Nicklen inspiriert, die ihre Aufnahmen zum Zwecke der Naturerhaltung nutzen. Ich hoffe, dass ich Menschen durch meine Fotos dazu inspirieren kann, sich wieder mehr mit der Natur zu verbinden, indem ich ihnen ihre Schönheit vor Augen führe ─ zumindest, wie ich sie erlebe.

Was bewunderst du am Norden und wann hast du dich in Skandinavien verliebt?

Auf unserer ersten Reise nach Norwegen und Schweden hat es sofort geklickt. Uns zogen die vielfältigen Möglichkeiten an, die Natur zu erleben und zu entdecken; wunderschöne Küstenlinien und endlose Wälder, raue Gipfel und tiefe Fjorde, Bergplateaus und Täler voller Wildtiere. Jeder Hügel präsentierte ein neues Panorama und eine neue Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen und den Blick schweifen zu lassen. Landschaften, die einen so winzig haben fühlen lassen, als gäbe es keine Begrenzungen und als hätte man die ganze Welt nur für sich selbst. Jede Jahreszeit sieht komplett anders aus (dort gibt es 8 Jahreszeiten!), und das Licht kann faszinierend sein.

„Ich wanderte nur ein paar Kilometer und fühlte mich bereits ganz allein in einer riesigen Welt. Raum. Stille. Der Grund, warum ich Skandinavien so liebe.“

Was ist das Beste daran, frühmorgens mit deiner Kamera unterwegs zu sein und diese aus mehreren Schichten bestehenden Landschaftsbilder zu kreieren?

Ich liebe es, noch vor der Dämmerung raus zu gehen, wenn der Rest der Welt scheinbar noch schläft. Es macht mich glücklich, die Sonne über nebligen Landschaften aufgehen zu sehen. Dann genieße ich die frische Morgenluft und sauge alles auf. Dann erscheint meine liebste Szenerie: Landschaftssilhouetten in verschiedenen Entfernungen, die Schicht für Schicht in weiches, goldenes Licht getaucht werden. Manchmal pink, rosa, blau oder neblig grau, aber immer so friedvoll. Dieser Anblick erfüllt mich mit einem Gefühl von Ruhe, Tiefe und einem Hauch von Magie. In diesen Moment verlangsamt sich die Welt scheinbar ein bisschen und alles ist möglich, es gibt keine Grenzen, man kann überall hingehen ─ und auch der Geist ist frei.

Statt dich auf die raue Seite zu fokussieren, stellst du den Norden eher sanft dar. Was versuchst du mit deinen Bildern auszudrücken und auf die Betrachter zu übertragen?

Alles hat eine harte und eine weiche Seite und ich versuche das zu übertragen, was ich fühle. Für mich geht es ums Innehalten und verbinden, mit der Natur und mit mir selbst. Das Gefühl von Raum und Ruhe, die Weite der Landschaft, das Genießen der Umgebung. Wegen dieser Empfindungen habe ich mich in den Norden verliebt, und das versuche ich in meinen Fotos zu vermitteln. Ich möchte, dass die Menschen die Schönheit Lapplands vor Augen geführt bekommen und Wertschätzung für Land und Leute empfinden.

Was ist das Besondere an den Lichtverhältnissen im Norden?

Während des Winters steht die Sonne niemals wirklich hoch am Himmel. Und wenn sie untergeht, ist der Tag noch nicht vorüber. Das Licht verweilt und zaubert märchenhafte Szenen verschneiter Berge und Rentiere in einem weichen blauen Schimmer. Der Mond scheint heller und heller, bis schlussendlich die Nacht hereinbricht. Die langen Polarnächte bieten beste Voraussetzungen, um Nordlichter zu erleben ─ ein wunderschönes Spektakel, auch für Nicht-Fotografen.

„Die rauesten Bedingungen gehen manchmal Hand in Hand mit dem sanftesten Licht.“

Im Sommer ist es eine völlig andere Erfahrung, da die Sonne dann nicht oder nur für kurze Zeit untergeht und es nur in wenigen Momenten wirklich dunkel wird. Dann verliert man jegliches Gefühl für Zeit und Dringlichkeit und es spielt keine Rolle mehr, wann man etwas macht. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl.

Welches Land im Norden magst du am meisten und warum?

Schweden. Dieses Land hat so viel mehr zu bieten, als nur wunderschöne Wälder und idyllische Seen. Von gemütlichen Küstenstädtchen über schroffe Berge, hin zu eisigen Wüsten und grünen Tälern ─ die Vielfalt ist so groß, wie man will. „Friluftsliv“ (Freiluftleben), „Fika“ (Kaffeepäuschen) und „Allemansratten“ (Jedermannsrecht) sind eine offene Einladung, um gesunde Pausen einzulegen, die Natur zu genießen und sich am Draußen-Sein zu erfreuen, ohne die Umgebung zu (zer-)stören. Wenn ich an Schweden denke, träume ich von fesselnden Hügellandschaften, lauten Schmelzwasserflüssen, Elchen, Rentierherden, Polarfüchsen, Nordlichtern und Mitternachtssonne. Von Landschaften, die komplett weiß, lebhaft grün oder herbstlich gold und rot sind. Und Licht, wundervollem Licht.

Entdeckt noch mehr von Hannekes Bildern auf ihrem IG Kanal @hike_and_sea! Ihr wollt noch eine leidenschaftliche Fotografin kennenlernen? Dann lest das Interview mit Sarah Afiqah Rogers, die wir in Ausgabe #4 im Creators Feature portraitiert haben!

Über die Autor:in

Leonore Herzog

Leo ist freiberufliche Fotografin und Content Creatorin. Logisch, dass sie da auch die Bildredaktion für den The Female Explorer inne hat. Auch auf Reisen legt sie die Kamera nicht aus der Hand, wenn sie mit Mann, Kind und Hund die Welt entdeckt – am liebsten im Camper.

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