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Mut, Powder, Progression – drei Tage Arc’teryx Freeride Academy am Arlberg


Judith BeckText

Arc’teryxFotos

Am Anfang stand wie so oft die Frage: „Bin ich gut genug?“ Man munkelt ja, das sei so ein Frauen-Ding – sich selbst schlechter einzuschätzen als man ist, an sich zu zweifeln. Ich erinnere mich, wie ich vor eineinhalb Jahren die Chance bekam, bei einem zweiwöchigen Kanu-Trip in Kanada dabei zu sein. Natürlich sagte ich sofort zu. Erst als ich eine Nacht über meinen ungefilterten Übermut schlief, kamen die Sorgen, ob ich genug Paddeltechnik konnte und so viel Wildcampen wollte. Jetzt ist mir dasselbe wieder passiert. Lust auf die Arc’teryx Freeride Academy in St. Anton? Na klar! Schließlich ist der Arlberg ein Hotspot für Freerider:innen – mit offenen Hängen, legendären Runs und genug Gelände, um sich frei zu fühlen. Die Arc’teryx Freeride Academy findet jedes Jahr in dieser Kulisse statt, mit Fahrtechnik-Kursen für alle Levels, Lawinen- und Safety-Trainings, Talks, Filmnächten, Partys und Community-Vibes.

Zwischen Beginner, Intermediate und Advanced

Die Skepsis kam, als ich mich für die Kurse anmeldete und die Wahl hatte zwischen Beginner, Intermediate und Advanced. Wahrscheinlich habe ich jede einzelne der Clinics dreimal gelesen, um irgendwo zwischen den Zeilen den Hinweis zu bekommen: Judith, da passt du rein. Skills? Ja, vorhanden. Erfahrung? Wenn ich die jetzt noch nicht habe, dann nie. Vor meinem geistigen Auge tauchten Bilder auf von 18-Jährigen, die über Wechten am Gipfelgrat in einen 45-Grad-Hang einfahren, unterwegs über Cliffs springen und von Zweifeln noch nie etwas gehört zu haben scheinen. Nein, wenn das „erfahren“ heißt, bin ich es nicht.

Arc’teryx Freeride Acadamy in St. Anton

Was ist das? Ein jährlich stattfindendes Freeride-Event mit Ski- und Snowboard-Clincs für verschiedene Levels – von Beginner bis Advanced – kombiniert mit Safety-Trainings, Lawinenwissen, Workshops und Community-Programm. Wo? St. Anton am Arlberg, Teil des Skiverbunds Arlberg mit rund 300 Pistenkilometern, ausgewiesenen Freeride-Routen und weitläufigem Gelände abseits der präparierten Pisten. Für wen? Freerider:innen, Ski-Tourengeher:innen und Snowboarder:innen, die ihre Technik verbessern, Sicherheit im alpinen Gelände vertiefen und mit erfahrenen Guides unterwegs sein möchten. Besonderheit? Die Academy verbindet Progression im Gelände mit Verantwortung und alpiner Kompetenz – Lernen, Community und Freeride-Kultur stehen gleichermaßen im Mittelpunkt. Highlight Der Mix aus vielseitigem Gelände, großer Bergkulisse und Community Vibes.

Ankommen im Arc’teryx Freeride Village

Als ich aufgeregt von München über Innsbruck nach St. Anton fahre, ist die Entscheidung längst gefallen: auf Advanced Ski Touring und auf Freeride Snowboarding für Fortgeschrittene. Fünf Stunden später steige ich in dem Tiroler Örtchen mit 2.000 Einwohnern aus und kremple meine Vorstellungen von St. Anton einmal komplett um. Auf der Dorfstraße rollen Touristen ihre Koffer zwischen Bahnhof und Hotels hin und her. Überraschend viele von ihnen sind US-Amerikaner. Seit vergangenem Jahr ist das Skigebiet Teil internationaler Skipass-Verbünde, die vor allem in den USA stark nachgefragt sind. St. Anton statt Aspen also. Im Ort reiht sich Restaurant an Après-Ski-Bar an Hotel an Skiverleih. Jedes Gebäude ein Juwel, teils typisch tirolerische Bauernhäuser und Chalets, teils moderne Architektur aus Holz und Glas. Am Kreisverkehr zwischen Dorfstraße und Gondel wird der Bass lauter und die Lichter bunter. Im Arc’teryx Freeride Village legt eine DJane auf, davor tanzen Leute in Skischuhen und schneefester Klamotte. Eingerahmt von den Bergen, an denen sich im Westen die Sonne bricht, während sie die weißen Gipfel gegenüber in helles Licht taucht. Jeden Nachmittag legt nach den Clinics ein anderer DJ auf und zelebriert mit uns den Lifestyle, dem wir alle gemeinsam verfallen sind: draußen sein in den Bergen, das Gelände abseits der Piste zu unserer Spielwiese machen. Auf der Suche nach Glücksgefühlen, nach Spaß und Flow, die im engen Zusammenhang stehen mit Spuren im unberührten Hang.

Jeden Nachmittag legt nach den Clinics ein anderer DJ auf und zelebriert mit uns den Lifestyle, dem wir alle gemeinsam verfallen sind: draußen sein in den Bergen, das Gelände abseits der Piste zu unserer Spielwiese machen.

Ski Touring Arlberg Style – Erwartungen und Fußspitzengefühl

Reality-Check um 8 Uhr am nächsten Morgen. Die Sonne nimmt sich heute eine Auszeit. Stattdessen ziehen weiße Schneewolken über das Tal. Ich packe meinen Skitouren-Rucksack: Lawinenset, Felle, Harscheisen, Ersatzklamotten, Brotzeit. Der Tourenrucksack platzt aus allen Nähten, ich bin überfordert und versuche, alles wegzulassen, was im Fall der Fälle nicht überlebenswichtig ist. Die Zeit rennt mir davon und da ist er wieder, der Gedanke: „Bin ich überhaupt gut genug für diesen Kurs?“ Gestresst eile ich zum Treffpunkt, erkläre unserem Guide Lisi, dass ich schon viele Skitouren gegangen bin, aber welches Niveau? Schwer zu sagen. Im selben Augenblick explodiert der Reißverschluss meines Rucksacks und ich fühle mich deutlich weniger souverän, als ich es mir vorgenommen hatte. Lisi wird mich später auf der Piste genau beobachten, bevor unsere Tour im freien Gelände beginnt, die sich „Ski Touring Arlberg Style“ nennt und zu den schönsten Freeride-Stellen der Gegend führt. „Was heißt Arlberg Style?“, frage ich. „Dass wir heute mit nur 400 Höhenmetern im Aufstieg 1.300 Meter abfahren werden“, antwortet sie. Möglich machen das die 85 Lifte und Bahnen des Skiverbunds Arlberg, zu dem auch St. Anton gehört. Neben 300 Pistenkilometern gibt es hier auch zahlreiche ausgewiesene Freeride-Routen und weitläufiges Gelände abseits der präparierten Pisten. Und wer mit Tourenski unterwegs ist, dem öffnet sich nochmal eine ganz andere Welt.

©Shannon Sweeney

„Was heißt Arlberg Style?“, frage ich. „Dass wir heute mit nur 400 Höhenmetern im Aufstieg 1.300 Meter abfahren werden“, antwortet sie. Möglich machen das die 85 Lifte und Bahnen des Skiverbunds Arlberg, zu dem auch St. Anton gehört. Neben 300 Pistenkilometern gibt es hier auch zahlreiche ausgewiesene Freeride-Routen und weitläufiges Gelände abseits der präparierten Pisten.

©Layla Kerley

Wir steigen aus der Gondel, fellen auf und traversieren mitten hinein in die großen Schneewolken, die wir von unten gesehen haben. Während wir bergan steigen, schlagen uns Schnee und Wind entgegen. Ella aus Chamonix blickt zu mir zurück und lacht. „I love this weather“, rufe ich ihr zu und meine es. Die Berge haben eine überwältigende Rauheit, etwas Ungezähmtes, Wildes. In mir steigt das Gefühl der absoluten Freiheit auf. Hier draußen zählt nur der Moment. Unsere 1.300 Meter lange Abfahrt erfolgt im Blindflug. Ein steiler Hang sieht aus der Schneewolkenperspektive gleich aus wie ein flacher, ein Powder-Hang könnte ebenso gut eine zusammengefahrene Buckelpiste sein. Ich bin froh, dass Lisi das Gelände auswendig kennt und sich mit uns ohne Stress vorantastet. Ich nenne es Fußspitzengefühl – es lässt mich nicht im Stich, erkennt Neuschnee im Whiteout und gleicht holprige Stellen meist ganz gut aus. Das Gute an der schlechten Sicht ist, dass jeder mit sich selbst beschäftigt ist und ich irgendwie unsichtbar mein eigenes Ding mache. Ich merke, dass mein Selbstbewusstsein nicht an einen Schwierigkeitsgrad geknüpft ist, sondern vielmehr an Erwartungen an mich selbst und Erwartungen, die ich denke, dass andere von mir haben.

Ich merke, dass mein Selbstbewusstsein nicht an einen Schwierigkeitsgrad geknüpft ist, sondern vielmehr an Erwartungen an mich selbst und Erwartungen, die ich denke, dass andere von mir haben.

©Shannon Sweeney

Was können
Teilnehmende
erwarten?

  1. Professionell geführte Clinics (Ski & Snowboard)
  2. Lawinen- und Safety-Trainings
  3. Touring-Angebote im hochalpinen Gelände
  4. Talks mit Profi-Athlet:innen
  5. Workshops (z. B. Repair, Technik, Community-Themen)
  6. Filmnächte, DJ-Sessions und Village-Atmosphäre

Women’s Freeride Talk – Druck, Scham und echte Stärke

Am Abend gehe ich zum Women’s Freeride Talk. Er ist Teil des Programms im Freeride-Village, das außerdem Repair-Workshops, Filmabende, Yoga-Sessions und Partys umfasst. „Ich habe mich geschämt“, erzählt Profi-Freeriderin Tonje aus Norwegen. Hinter ihr auf der Leinwand läuft ein Videoclip. Es ist eine dieser spektakulären Szenen, die ich vor meiner Anmeldung zur Academy im Kopf hatte. Im Video sticht sie einen steilen Hang hinunter, verkantet, überschlägt sich, schrammt um Haaresbreite an einem Felsblock vorbei, überschlägt sich weiter, wird von der Lawine erfasst, die sie selbst ausgelöst hat. Und anstatt sich nach dieser überstandenen Aktion wie eine Heldin zu fühlen, schämt sie sich? „Der Druck hat die Überhand gewonnen. Ich habe nicht mehr auf mich selbst gehört, sondern nur gepusht. Ich schämte mich, dass ich mich in diese Situation gebracht habe“, erklärt sie. „Du startest etwas aus Liebe. Und plötzlich machst du dir so viel Druck, dass aus dem Spiel eine Last wird. Dann machst du es nicht mehr für dich, sondern für andere, und deine Performance hat einen Impact auf dein Wohlbefinden. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass man es tut, weil es Spaß macht, und nicht für die Erwartungen von außen.“

Du startest etwas aus Liebe. Und plötzlich machst du dir so viel Druck, dass aus dem Spiel eine Last wird. Dann machst du es nicht mehr für dich, sondern für andere, und deine Performance hat einen Impact auf dein Wohlbefinden. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass man es tut, weil es Spaß macht, und nicht für die Erwartungen von außen.

Freeriderin Tonje aus Norwegen

Make the Mountain your Playground

Es ist sicher gut, dass wir an den Berg eine gewisse Demut mitbringen, uns selbst nicht überschätzen. Die Frage ist nur, ob wir uns bei aller nüchternen Selbsteinschätzung klein machen. Nach allem, was ich dieses Wochenende in der Arc’teryx Academy gesehen habe, haben wir Frauen dafür keinen Grund.

Theoretisch können einem in so einer Clinic alle möglichen Leute begegnen. Aber mir begegnen am nächsten Tag Lea und Korina. Die zwei Schweizerinnen kannten sich vorher ebenso wenig wie ich sie kannte. Zusammen mit Profi-Freeriderin Celina und Guide Liz starten wir in unseren Intermediate-Kurs „Make the Mountain your Playground“. Die Magie offenbart sich schon bei der ersten Abfahrt. „Was für eine Gruppe!“, ruft Liz enthusiastisch. Wir sind alle auf einem ähnlichen Level, verbunden im Flow und durch die Liebe zum Snowboarden. Surfen auf Schnee, das kribbelnde Gefühl von Powder unter den Füßen. Wir reiten die Wellen des Geländes, suchen Linien, gehen ein Stück zu Fuß zum Gipfel, um auf der Sonnenseite hinunterzucruisen, bis sich der Schnee auf eine einen Meter breite Zickzackspur reduziert. Wir geben alles, bis nichts mehr geht und wir lachend im Dreck sitzen. Wir feiern unseren Sport und unsere Gemeinschaft. Was mir danach auffällt: Intermediate sind wir alle nicht. Wir sind erfahrene Snowboarderinnen und jede von uns ist – wenn auch hobbymäßig – schon mal Contests gefahren. Es ist sicher gut, dass wir an den Berg eine gewisse Demut mitbringen, uns selbst nicht überschätzen. Die Frage ist nur, ob wir uns bei aller nüchternen Selbsteinschätzung klein machen. Nach allem, was ich dieses Wochenende in der Arc’teryx Academy gesehen habe, haben wir Frauen dafür keinen Grund.

In welchen Situationen outdoors merkst du, dass du dich klein machst, und was hilft dir, wieder größer zu werden?

Über die Autor:in

Judith Beck

Die Reisejournalistin ist seit ihrer Kindheit in den Bergen unterwegs. Ihr Sportpublizistik-Studium verschlug sie nach Tübingen und Valencia. Zu Fuß, mit dem Bike oder auf Skitour die schönsten Flecken der Erde zu entdecken, ist für sie ein tiefes Glücksgefühl und Freiheit in Reinform. Judith lebt im Münchner Süden, schreibt für Outdoor- und Reisemagazine sowie ihren Blog www.fernzeit.com.

Wilder
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