Te Araroa Solo Wanderung zu Fuß durch Neuseeland moosbewachsene Bäume quer

Community Story

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3.029 km zu Fuß durch Neuseeland: Te Araroa – Nordinsel


Melina KeilText / Fotos

Am 28. Oktober 2023 stand ich beim Leuchtturm am Cape Reinga, dem nördlichsten Ende der Nordinsel Neuseelands. Auf dem Rücken mein viel zu schwerer Rucksack, um den Hals meine Kamera, in der rechten Hand meine Wanderstöcke. Neben mir der Wegweiser, der Distanzen zu verschiedenen Orten auf der Welt und in Neuseeland anzeigt: Bluff wird mit 1.452 km Luftlinie angegeben – dort wollte ich auf dem Fernwanderweg Te Araroa hin und würde dabei mehr als das doppelte an Kilometern bewältigen. Ich berührte den Wegweiser – der Startschuss für mein großes Abenteuer war gefallen.

Te Araroa Neuseeland Tongariro Vulkanlandschaft

Northland – ein schwieriger Start

Die ersten Kilometer auf dem offiziellen Weg waren zu dieser Zeit noch gesperrt und so lief ich zusammen mit der Britin Vicky, die ich zuvor im Hostel kennengelernt hatte, entlang der Straße bis zum Ninety Miles Beach. Über den Te Paki Stream erreichten wir nach 24 km endlich den Ninety Miles Beach, auf welchem wir ca. 80 km in den nächsten Tagen gehen würden. Was sich nach einem schönen Spaziergang am Strand anhört, entwickelte sich zum ersten Test unserer Willenskraft – kilometerlang am Strand entlangzulaufen ist nicht nur anstrengend, im teilweise weichen Sand mit leichtem Gefälle, sondern auch unendlich langweilig. Am zweiten Tag mussten wir uns zusätzlich noch durch einen Zyklonausläufer kämpfen, der uns den Sand nur so um die Ohren peitschte. Mit schmerzenden Sehnen an den Füßen bei mir und einigen Blasen an Vickys Füßen mussten wir gezwungenermaßen gleich am dritten Tag einen Pausentag einlegen. Am vierten kämpften wir uns dann unter Schmerzen über die letzten Kilometer am Strand, bis wir diesen in Ahipara endlich in Richtung Zivilisation verlassen konnten.

Im Matsch voran

Nach einigen Ruhetagen waren unsere Schmerzen zwar noch nicht weg, aber der Wille zum Weiterlaufen zu stark. Vor uns lag der Raetea Forest, ein Waldgebirgszug, der für seinen Matsch berühmt berüchtigt ist. Die meisten Wanderer laufen eine Alternativroute, das kam für uns allerdings nicht in Frage. Wir stellten uns dem Matsch: Sauber bleibt hier niemand und am Anfang nahmen wir es noch mit Humor. Der Anstieg bis zum Gipfel war weniger unangenehm als gedacht, der Abstieg und die weiteren vielen Kilometer im Anschluss aber umso schlimmer. Die Sehnen an meinen Füßen begannen erneut zu schmerzen und nach 20 km und 11 Stunden erreichte ich vollkommen erschöpft das Camp. Ich war die letzte aus der Gruppe, doch die Anderen versuchten mich aufzumuntern: „Wer den Strand und diesen Wald schafft, der schafft den ganzen Walk“. Und sie sollten recht behalten.

Te Araroa Neuseeland Northland

Die erste Trail Family

Wir waren mittlerweile eine kleine Gruppe an Leuten, in der jeder tagsüber sein eigenes Tempo lief und man sich abends im Camp wiedertraf. Gelegentlich lief man aber auch zusammen, besonders wenn schwerere Abschnitte bevorstanden, wie beispielsweise der Puketi Forest. Der Track führte in einer Schlucht ein paar Kilometer durchs Wasser. Glücklicherweise war der Fluss ruhig und das Wasser reichte mir an den tiefsten Stellen bis zum Oberschenkel. Nur an einer Stelle gab es eine stärkere Strömung, bei der wir uns gegenseitig unterstützten mussten. Wenn wir nach einigen Tagen dann wieder den nächsten Ort erreichten, trennten sich häufig die Wege: Einige legten Pausentage ein, andere liefen direkt weiter. Von Paihia aus bildete sich meine erste kleine „Trail Family“ – eine Gruppe, mit der man über längere Zeit auf dem Trail zusammen unterwegs ist. Tatsächlich blieb diese Trail Family die nächsten 350 km bis nach Auckland bestehen. Wir meisterten zusammen die ersten größeren Flussdurchquerungen, den ersten Kajak-Abschnitt und versuchten uns bei Laune zu halten, wenn wieder ein längerer Strandabschnitt oder Roadwalking anstand. Gemeinsam feierten wir auch den ersten Meilenstein bei 500 km.

Te Araroa Northland Beach Trail Family

Von Auckland bis Hamilton

Die Küstenvororte von Auckland sind schön, aber ich sehnte mich zurück in die Natur. Daher versuchte ich, diesen Teil so schnell wie möglich hinter mich zu bringen, sodass sich unsere Trail Family in Auckland trennte und ich die ganze nächste Woche bis nach Hamilton komplett allein lief. Ich traf keine anderen Wanderer, was auch daran gelegen hat, dass viele diesen Abschnitt ganz überspringen. Es war der am wenigsten schöne Abschnitt des ganzen Trails, entlang vieler Straßen, 2 km sogar direkt am Highway 2. Häufig musste auch Farmland überquert werden, wobei mir meine Gräserallergie das Leben zusätzlich schwer machte. Als ich endlich einige Kilometer nach Hamilton das erste Mal durch eine typisch neuseeländische grüne Hügellandschaft lief und endlich wieder mehr Natur um mich herum hatte, konnte ich den Trail zum Glück wieder genießen.

Magische Trail Angel

Weniger Zivilisation heißt auch, weniger Möglichkeiten zum Übernachten – oft läuft man über Privatland und kann sein Zelt nicht einfach irgendwo aufschlagen, besonders auf der Nordinsel. Deswegen haben Menschen wie Joe, an dessen Grundstück der Trail vorbei läuft, eine Möglichkeit zum Übernachten für TA Hiker eingerichtet (meist gegen eine kleinen Unkostenbeitrag, als „Koha“ bezeichnet). Joe zaubert dazu jeden Abend ein reichhaltiges Essen für hungrige Hiker. Sie ist eine von vielen wundervollen Trail Angels, die ich entlang meines Weges treffen durfte. Unermüdlich beherbergen sie in der Saison täglich mehrere Hiker. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Trails und ihre Unterstützung erleichtert es den Wanderern ungemein. Viele Neuseeländer boten mir spontan Schlafplätze an oder machten mir mit leckeren Snacks eine Freude: die sogenannte „Trail Magic“. Die Gastfreundschaft der Kiwis beeindruckte mich immer wieder!

Der Timber Trail

Ich genoss es, tagsüber meist für mich zu laufen, die Landschaft zu genießen und dabei viel zu fotografieren. Genau so sehr freute ich mich abends, bekannte Gesichter im Camp zu sehen und mich mit ihnen über den Tag auszutauschen. So traten wir auch in einer kleinen Gruppe den Timber Trail an: eine Mountainbike Strecke und Teil des Te Araroa. Für knapp 80 km, auf zwei Tage verteilt, stiegen wir auf Mountainbikes um. Neben der wohltuenden Pause für unsere Füße machte es Spaß, mit den Rädern die Berge rauf und runter und über mehrere Hängebrücken zu fahren. Außerdem konnten wir den nächsten Meilenstein feiern, als wir die 1.000 km Marke erreichten: Ein Drittel des Trails war geschafft und der schönste Teil sollte noch vor uns liegen.

Te Araroa Solo Wanderung zu Fuß durch Neuseeland Timber Trail MTB
Te Araroa Solo Wanderung zu Fuß durch Neuseeland Timber Trail Hängebrücke

Vulkanlandschaften im Tongariro National Park

Von nun an jagte ein Highlight das nächste, denn der Te Araroa führte uns direkt durch den Tongariro National Park. Das berühmte Tongariro Alpine Crossing war Teil unseres Trails und es war ungewohnt, so vielen Tageswanderern zu begegnen. Da wir aber in die entgegengesetzte Richtung der Tageshiker liefen, hatten wir nach ein paar Stunden die eindrucksvolle Vulkanlandschaft für uns allein. Bei strahlendem Sonnenschein schimmerten die Emerald Lakes in ihren verschiedenen Blau- und Grüntönen und vom Red Crater aus hatten wir eine grandiose Aussicht. Nur die letzten Kilometer bis ins Whakapapa Village zogen sich und nach 35 km und einigen Höhenmetern an diesem Tag hatten wir uns einen Pausentag wahrlich verdient. Gekrönt wurde dieser mit einem All you can eat Frühstücksbuffet im „Skotel“, welches sich keiner hier entgehen ließ. Unsere Tage in der Zivilisation waren geprägt vom Essen: Hunger war ein ständiger Begleiter und der Gedanke an einen Burger, wenn man es schnell genug noch in den nächsten Ort schaffte, ließ mich nicht nur einmal etwas schneller die letzten Kilometer laufen.

Im Kanu entlang des Whanganui Rivers

Als wir den Tongariro National Park hinter uns ließen, näherten wir uns dem Whanganui River. Hier würden wir für fünf Tage auf ein Kanu umsteigen, um diesen Teil des Trails bis nach Whanganui zu paddeln. Da wir logischerweise unsere Rucksäcke nicht tragen mussten und diese gut verstaut in Tonnen bei uns im Kanu waren, konnten wir uns mit viel leckerem Essen eindecken, welches wir sonst aus Gewichtsgründen nie kaufen würden. Somit hatten wir jeden Tag auf dem Fluss ein Festmahl, nicht selten mit einer Flasche Wein oder einem Bierchen. Die meiste Zeit verbrachten wir damit, die eindrucksvollen, wild bewachsenen Felswände, durch die sich der Fluss in einer Schlucht schlängelte, zu bewundern und zu versuchen, in den Stromschnellen das Kanu nicht zu versenken. Jeden Tag machten wir ausgiebige Mittagspausen am Ufer, wobei eine kleine Abkühlung im Fluss nie fehlen durfte. Doch so schön die gemeinsame Zeit auf dem Fluss war, nach fünf Tagen konnten wir es kaum erwarten, endlich wieder zu laufen.

Weihnachten und Silvester auf dem Trail

Heiligabend war ein ganz normaler Tag wie jeder andere auch, zumindest fast. Denn er startete mit einem leckeren Frühstück, welches die Trail Angel Rob und George für uns zauberten. Die beiden sind mittlerweile schon richtige Trail Angel Legenden des Te Araroa. Rob, der selbst Maori ist, lag es sehr am Herzen, uns seine Kultur etwas näher zu bringen. George zauberte uns ein himmlisches Abendessen und wir waren bis weit nach der Hiker Midnight (21 Uhr) in Gespräche vertieft. So gerne wir länger geblieben wären, war es dennoch Zeit, am nächsten Morgen weiter zu laufen. Am Abend waren wir zu fünft im nächsten Camp und da es ja schließlich Weihnachten war, hatten einige es sich nicht nehmen lassen, ein paar Dosen Bier aus der Stadt mitzuschleppen. So saßen wir da, mit unseren Instant Nudeln und Bier, tauschten Geschichten vom Trail aus und hatten ein schönes Weihnachtsfest zusammen.

Nach den Feiertagen stand uns die wohl härteste Etappe des Trails bevor: die Tararua Range. Viele steile Anstiege, technisch anspruchsvolle Wege und eine Menge Matsch erwarteten uns. Zu fünft stellten wir uns diesem Abenteuer, welches die ersten Tage durch viel Regen geprägt war. So erreichten wir auch Silvester klitschnass unsere erste Berghütte und machten es uns gemütlich. Pünktlich zur Hiker Midnight stießen wir um 21 Uhr aufs neue Jahr an und gingen dann alle zu Bett. Nur zufällig wachte ich gegen Mitternacht auf und überraschenderweise hatten sich die Wolken etwas gelichtet und gaben den Blick aufs Tal frei. Hier oben pfiff nur der Wind, sonst war es ganz still. In der Ferne glitzerte das Feuerwerk und läutete das neue Jahr ein.

Das Ende der Nordinsel

Der Morgen war noch wolkenverhangen und ungewohnt kalt, während wir uns bereits die ersten Gipfel der Range hoch kämpften. Wenigstens regnete es nicht und mit der Zeit verzogen sich auch die Regenwolken und gaben wunderschöne Aussichten frei. Wenn wir nicht gerade einen matschigen Bergkamm entlang kraxelten, führte der Weg durch verwunschene Zauberwälder mit moosbewachsenen Bäume. Doch so schön die Landschaft auch war, verlangte unser dieser Teil des Trails körperlich viel ab. Erschöpft erreichten wir nach einer Woche endlich wieder die Zivilisation. Doch an Pause war nicht wirklich zu denken, denn noch trennten uns knapp 100 km von Wellington und dem Ende der Nordinsel – unsere Fähre war bereits gebucht und sollte in vier Tagen in der Früh auslaufen. Nach 70 Tagen erreichte ich im Shortland Park den Stein, der das Ende des Trails auf der Nordinsel markierte. Die ersten 1.715 km waren geschafft…

Hier geht es zu Teil 2 – entlang der Südinsel bis nach Bluff

Te Araroa Solo Wanderung zu Fuß durch Neuseeland Flussquerung Melina

Würdet ihr euch so ein Abenteuer zutrauen? Was möchtet ihr noch von Melina wissen? Schreibt es in die Kommentare!

Über die Autor:in

Melina Keil

Melina ist selbständige Fotografin und liebt das Reisen. Am liebsten ist sie in der Natur auf mehrtägigen Wanderungen in Australien oder Neuseeland unterwegs.

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