
Community Story
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St. Olavsweg: Solo auf 643 Kilometern durch Norwegens Wildnis
Vergesst den überlaufenen Jakobsweg! Wenn ihr Sehnsucht nach echter Wildnis, unberührteren Pfaden und dem ultimativen Hiking-Erlebnis habt, dann wartet im hohen Norden ein echtes Juwel auf euch: der St. Olavsweg. 643 Kilometer von Oslo nach Trondheim, quer durch tiefe Wälder und über majestätische Hochebenen. Als Stadtkind stürze ich mich allein mit Zelt und Rucksack in dieses Abenteuer. Es ist eine Reise, die mir zeigt, wie intensiv Natur sein kann und wie kleine Begegnungen das Herz bis zum Rand mit Wärme füllen.
Der Ruf der Wildnis: Eintauchen in die Stille
Ich entscheide mich bewusst für die Westroute – den naturnahen Abschnitt mit weniger Ortschaften und mehr unberührter Landschaft. Schon am ersten Tag begrüßt mich Norwegen mit seinem typischen Wechselspiel aus Regenschauern und strahlend blauem Himmel. Sobald die Sonne durch die Wolken bricht, leuchtet das Grün der Wälder so intensiv, dass es fast surreal wirkt. Die Stille dort oben ist kein Mangel an Geräuschen, sondern eine Einladung, endlich mal wieder auf den eigenen Rhythmus zu hören.


Begegnungen am Wegesrand: Wenn die Natur dir den Atem raubt
In der Stille des Waldes schärfen sich die Sinne. Eines Nachmittags knackt es im Unterholz: Nur wenige Meter entfernt schiebt sich ein mächtiges Geweih zwischen den Bäumen hervor. Ein Elch! Wir halten beide inne, die Welt steht still. Wir blicken uns an – voller gegenseitigem Respekt. Dann dreht er sich mit Gelassenheit um und verschwindet lautlos wieder im tiefen Wald.
Doch während mich dieser Moment in ehrfürchtiges Staunen versetzt, treibt mir eine vermeintlich harmlose Begegnung wenig später den Puls in die Höhe: eine norwegische Kuhherde. Mit wenig Erfahrung im Umgang mit diesen Tieren stoppe ich abrupt. Mutterkühe mit Kälbern – höchste Vorsicht!

Manchmal sind die größten Hindernisse auf dem Weg nicht die Berge, sondern eine Herde norwegischer Kühe.
Je länger ich ausharre, desto unruhiger wird die Herde. Die Tiere spüren meinen Respekt, aber vor allem meine Unsicherheit. Voller Adrenalin entscheide ich mich für einen riesigen Umweg quer durchs Gestrüpp. Ich hole mir nasse Füße und verliere im Dickicht sogar meine Wasserflasche, doch das ist nichts gegen meine Panik in diesem Moment. Völlig perplex beobachte ich kurz darauf zwei Radelnde, die völlig entspannt mitten durch die Herde rollen. Diese kleine, fast komische Herausforderung begleitet mich mental noch den ganzen Weg.
Unerwartete Begegnungen: Vom Angeln zum Pizza-Glück
Das Schönste am Pilgern sind die Kontraste. In der weiten Stille verliere ich mich in meinen Gedanken. Sie schwanken zwischen Euphorie und dem Unbehagen, komplett allein zu sein. Eines Abends finde ich einen versteckten Gapahuk an einem glitzernden See. Zwei Jugendliche kommen vorbei, bereiten sich aufs Fliegenfischen vor und laden mich kurzerhand ein, es selbst zu probieren. Bisher fand ich Angeln ehrlich gesagt ziemlich langweilig, aber das hier ist anders!


Am nächsten Morgen weckt mich eine Kälte, die durch Mark und Bein kriecht. Spontan springe ich in den eiskalten See. Vollkommen nackt, umgeben von der ersten Morgensonne. Ein Moment der puren Befreiung.
Unterwegs darf ich immer wieder erleben, wie grenzenlos gastfreundlich die Menschen sind. Als ich nach einem Regentag durchnässt und mit riesigem Verlangen nach einer Pizza bei einer Unterkunft anrufe und zaghaft nach einem Ofen frage, öffnen sich Türen und Herzen. „Komm einfach her, meine Frau backt gerade Kuchen – du kannst die Küche mitbenutzen!“ Ich renne die letzten Kilometer! Später sitze ich zusammen mit scheinbar wildfremden Menschen. Wir lachen, teilen Geschichten, essen Kuchen und ich fühle mich nach tausenden Schritten der Einsamkeit plötzlich wie zu Hause. Der Abschied fällt schwer. Doch ich nehme die Wärme mit – in Richtung Norden.



Hardfacts
St. Olavsweg
- Route: Von Oslo zum Nidarosdom in Trondheim.
- Strecke: Ca. 643 km, aufgeteilt in 30–35 Etappen (individuell anpassbar). Wählbar sind die Ostroute (historischer, ursprünglicher Weg) oder die Westroute.
- Reisezeit: Juni bis August. Ich bin 23 Tage im Juli unterwegs – perfekt für lange, helle Tage.
- Übernachtung: Ein Mix aus Zelt, urigen Pilgerherbergen und sogenannten „Gapahuks“ (offenen Holzunterständen).
- Tipp: Nutzt unbedingt die interaktive Karte auf pilegrimsleden.no.
Wandern im Dovrefjell: Weite, die die Seele atmen lässt
Das absolute landschaftliche Highlight auf dem St. Olavsweg ist die Hochebene Dovrefjell. Dort oben gibt es keine Bäume mehr, nur noch karge Tundra und eine unendliche Weite, die sich anfühlt wie aus einer anderen Welt. Drei Tage lang wandere ich durch dieses spektakuläre Nichts, die Wangen vom frischen Wind gekühlt und den Kopf voller neuer Ideen. Immer wieder hoffe ich auf das Glück, wilde Moschusochsen zu erblicken, doch leider ist es nur meine Fantasie, die aus den dortigen Schafsherden diese Tiere kreiert. Angelehnt an große Boulder-Felsen genieße ich die Sonne auf meiner Haut und lasse meine Gedanken von der Unendlichkeit der Landschaft tragen.

Trail Magic: Wenn der Regen zur Belohnung wird
Nicht alle Tage sind von Sonnenschein geprägt. Der stundenlange Dauerregen zermürbt mich zeitweise enorm. Doch am Ende jedes Regentages wartet eine kleine Belohnung. Einmal bin ich völlig durchnässt und rette mich in ein winziges Touristenbüro. Später taucht ein Mitarbeiter auf und bietet mir unglaublich gastfreundlich an, die Nacht einfach im warmen Büro auf dem Riesensofa zu verbringen und am nächsten Morgen selbst abzuschließen. Was für ein Luxus!
An einem anderen Tag kämpfe ich mich durch verschlammte Wege tief in den Wald hinein. Voller Frustration, Kälte und Zweifel starre ich auf mein GPS. Jeder knackende Ast klingt in meinen Ohren bedrohlich. Kurz vor der völligen Erschöpfung erreiche ich endlich meine vorab reservierte Holzhütte. Ein Traum! Mit prasselndem Feuer im Ofen, einer brennenden Kerze und dem Blick ins regnerische Grün hänge ich meine nassen Sachen auf, und halte meine Gedanken schriftlich fest. In diesem Moment weiß ich: Alles ist gut.


Das Ende des St. Olavsweg
High Five mit mir selbst in Trondheim
Der letzte Abend auf dem St. Olavsweg vor Trondheim ist hochemotional. Ich übernachte in einer privaten Jagdhütte, die für uns Pilger geöffnet ist. Ich blicke über das weite Moorgebiet und genieße mein letztes Camping-Essen in absoluter Stille – samt einer Toilette, die mit Bildern der norwegischen Königsfamilie geschmückt ist.


Am nächsten Tag erreiche ich den Nidarosdom. Anders als im spanischen Santiago gibt es hier keinen großen Empfang für die ankommenden Pilger, keine jubelnden Massen. Eher das Gegenteil: Kaum einer der anwesenden Touristen ist sich des Pilgerortes überhaupt bewusst. Zuerst fühle ich mich kurz verloren und suche den letzten Kilometerstein vor der Kirche. Doch langsam begreife ich: Das ist mein Moment. Ich feiere diesen Erfolg mit mir ganz allein – ein inneres High Five auf 640 Kilometer voller Mut und Vertrauen. Als mich dann doch noch ein Mitwandernder anspricht, der meine verzweifelten Versuche eines Selfies bemerkt und mir zu einem schönen Foto verhilft, teilen wir unsere Erlebnisse und schwelgen in Erinnerungen. Der perfekte Abschluss.

Mein Learning: Das Leben hat immer eine Lösung
Ich bin zurück am Anfang, aber innerlich bin ich gewachsen. Der St. Olavsweg hat mir gezeigt, dass ich nie wirklich allein bin. Ich habe mein Herz mit Landschaften gefüllt, die mir den Atem raubten, und mit Begegnungen, die mir neues Vertrauen in die Welt geschenkt haben. Ich weiß jetzt: Egal wie steinig der Pfad, wie stark der Regen ist oder wie beängstigend manche Begegnungen sein können – es findet sich immer eine Lösung, eine warme Hütte oder eine helfende Hand. Und das neu gewonnene Selbstvertrauen, mit vollem Respekt und Würde durch eine Kuhherde zu gehen.

Könntet ihr euch vorstellen, ganz allein loszuziehen? Nur mit eurem Bauchgefühl, der Natur – und dem Vertrauen, dass der Weg euch trägt? Schreibt es in die Kommentare!