Camino del Norte Pilgerweg Spanien Strand Laredo

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Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt – Solo auf dem Pilgerweg Camino del Norte


Franja EdenText / Fotos

800 Kilometer entlang der spanischen Atlantikküste, wechselhaftes Wetter, schmerzende Füße und einfache Unterkünfte – der Pilgerweg Camino del Norte fordert körperlich wie mental. Doch zwischen Steilküsten und Pilgerherbergen entfaltet sich etwas, das über das einfache Wandern hinausgeht: Das Aushalten von Unsicherheit, die Kraft unerwarteter Begegnungen und die Magie, wenn man Schritt für Schritt lernt, sich selbst zu vertrauen.

Camino del Norte Pilgerweg Spanien Gerra

Von Null auf Plan

Ein paar Monate nach meinem Abitur, noch berauscht vom Sommer voller Freiheit und dem Start „ins richtige Leben“, war ich plötzlich wieder Single und damit auch irgendwie planlos. Für eine Bewerbung an der Uni war es zu spät und ich wollte auch noch überhaupt nicht studieren oder eine Ausbildung beginnen. Meine Ex-Freundin und ich hatten eigentlich ein günstiges Auto kaufen und damit Richtung Südeuropa auf einen großen Roadtrip starten wollen. Allein erschien mir das jedoch unvorstellbar. Eines Abends erinnerte ich mich an einen Vortrag über den Jakobsweg. Plötzlich war ich hellwach und konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ich verbrachte ich das restliche Wochenende auf Blogs, Websites und in Facebook-Gruppen, las Erfahrungsberichte, verglich die verschiedenen Jakobswege und studierte Packlisten anderer Pilger:innen. Am Montag hatte ich mein Flugticket nach Bilbao gebucht und 400 € meines Ersparten für Wanderausrüstung ausgegeben. Als eine Woche später mein Pilgerausweis im Briefkasten lag, war es endgültig besiegelt: In zwei Wochen würde ich in Spanien auf den Camino del Norte starten und über 800 km bis nach Santiago de Compostela wandern. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich das alleine schaffen kann. Es fühlte sich toll an.

Camino del Norte Pilgerweg Spanien Baskenland

Heimweh – nach nicht mal 24 Stunden?!

Anfang September stieg ich ins Flugzeug Richtung Bilbao und reiste von dort aus mit dem Bus nach Irún, einer kleinen Stadt an der spanisch-französischen Grenze – der Startpunkt des Pilgerweg Camino del Norte. Die erste Nacht verbrachte ich in einem kleinen Hotel, das im Internet sehr viel schöner aussah als in echt und mit Abstand die teuerste Übernachtung der ganzen Reise war. Ich erkundete Irún, bestaunte die etwa 10 km entfernte schöne Stadt Hondarribia und kaufte mir einen Wanderstock und ein kleines Opinel-Messer. Doch irgendwie fühlte ich mich komisch. Ich saß in Hondarribia auf der Mauer der Uferpromenade, sah den kleinen Fischerbooten beim Hin- und Herschaukeln zu, aß ein Eis in der Sonne und war endlich an dem Punkt, auf den ich mich seit drei Wochen gefreut hatte. Doch ich konnte nichts davon genießen, fühlte mich fehl am Platz. Ich hatte Heimweh – nach nicht einmal 24 Stunden.

Die ersten Kilometer auf dem Camino del Norte

Ich versuchte, das Gefühl zu ignorieren, wanderte zurück nach Irún und hoffte in der Pilgerherberge erste Kontakte zu anderen Pilger:innen knüpfen zu können. Nach einer Nacht voller lautem Geschnarche, Neonröhrenlicht und einem wackelnden Stockbett, lernte ich beim Frühstück eine junge Pilgerin aus Jena kennen, mit der ich gemeinsam die erste Etappe startete. Plötzlich hörten wir Gesang, der immer lauter wurde, je länger wir dem Weg folgten. Hinter einer Kurve standen plötzlich mindestens 200 Spanier:innen, die vor einer kleinen Kirche im Morgenlicht sangen. Mich berührte dieser unverhoffte Moment so sehr, dass ich gebannt bis zum Schluss des Gottesdienstes stehenblieb und lauschte. Ich erlebte direkt an meinem ersten Tag die sogenannte „camino magic“ – ein Begriff, der dieses ganz bestimmte Gefühl zu beschreiben versucht, das man in solchen Momenten auf dem Jakobsweg fühlt: Eine Mischung aus Gemeinschaft, Ruhe, Vertrauen in sich selbst und Verbundenheit.

Camino del Norte Pilgerweg Spanien Gottesdienst bei Irún
Pilger Camino del Norte Spanien
Wanderschue in Arzua Camino del Norte Spanien
Herberge in Gueemes Camino del Norte Spanien

„Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt.“

Das komische Gefühl hielt noch vier Tage an. Ich legte in der Zeit über 70 km zurück, was für den Anfang der Reise und mich als untrainierte Person recht viel war – vielleicht wollte ich dem unangenehmen Gefühl davonrennen. Doch in Zumaia kam der entscheidende Moment: Als ich abends im Garten des Klosters saß, in dem die Pilgerherberge untergebracht war, legte sich in mir wie aus dem Nichts ein Schalter um. Das bedrückende Gefühl war verschwunden und ich fühlte mich schlagartig wohl. Ich hatte nach Tagen wieder Appetit, genoss es, mich mit anderen Pilger:innen zu unterhalten und sah es nicht nur als Ablenkung und Flucht vor meiner Gefühlswelt. Ich merkte, wie ich angekommen war – nicht nur physisch, sondern vor allem mental. Ein paar Wochen später zitierte ein Pilger eine Erkenntnis eines nomadischen indigenen Volkes: „Wenn du an einen neuen Ort gelangst, warte. Es braucht Zeit, bis die Seele nachkommt.“ Ab diesem Zeitpunkt, an dem meine Seele endlich auch in Spanien in der Herberge im Kloster angekommen war, ging es mir gut. Von da an fühlte sich alles richtig an. In den folgenden Wochen kam das ungute Gefühl nie zurück.

Buen camino!*

Pro Woche wanderte ich knapp über 100 km. Mit jedem Kilometer wurde die Spannung und die Vorfreude größer, endlich anzukommen und gleichzeitig spürte ich, wie sehr ich das alles vermissen würde. Jeden Tag mit der Sonne aufstehen, ein kurzes Frühstück und los wandern: alleine, zu zweit oder auch mal zu siebt. Bei Sonne, Regen oder Wind. Bei 36°C oder bei 7°C. Entgegen meiner Erwartung ging es mir immer weniger um die geschaffte Strecke, die Landschaft oder das Ankommen in Santiago und immer mehr um die Begegnungen, meine Gedanken und die Gedanken meiner Mitpilger:innen und die Reise zu mir selbst. Nach 49 Tagen und 832 km stand ich Mitte Oktober vor der Kathedrale in Santiago de Compostela und fiel mit Tränen in den Augen meinen zwei Pilgerfreund:innen der letzten zwei Wochen in die Arme. Wir hatten es geschafft: Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten und den Momenten, in denen ich kurz davor war, aufzugeben, stand ich nun hier, körperlich und mental so stark wie nie zuvor und war unglaublich stolz auf mich. Durch diese Reise habe ich gelernt, dass ich mir selbst vertrauen kann.

Pilgerweg Camino del Norte Santiago de Compostela

*Buen camino bedeutet „Guten Weg!“ und sagt man sich gegenseitig als Verabschiedung auf dem Jakobsweg.

Must-Haves auf dem Pilgerweg Camino del Norte

  • Pilgerausweis (Credencial)
  • Hirschtalgcreme, um die Füße vor Blasen zu bewahren
  • Gaffatape, mit dem man alles überall reparieren kann, egal ob kaputter Rucksack, Loch in der Regenjacke oder undichte Brotdose
  • Tagebuch, um all die Erinnerungen festzuhalten
  • Pilgerführer – auch wenn der Weg an sich gut ausgeschildert ist, gibt einem der Pilgerführer eine zusätzliche Sicherheit, außerdem sind dort alle Herbergen, Hotels, Restaurants und Supermärkte verzeichnet
Herberge Gueemes Camino del Norte Pilgerweg

Warum der Pilgerweg Camino del Norte etwas Besonderes ist

Der Camino del Norte ist einer von offiziell fünf Jakobswegen Spaniens und damit ein kleiner Teil eines riesigen Pilgerwegnetzes, das sich über ganz Europa und die Welt erstreckt. Besonders macht ihn, dass etwa zwei Drittel der Strecke direkt entlang der Atlantikküste verlaufen. Im Baskenland läuft man durch sattgrüne Hügellandschaften, in Kantabrien und Asturien führt der Weg über Steilküsten und Strände. Der Weg ist gespickt mit Fischerdörfern und kleinen Ortschaften, man durchquert aber auch größere Städte wie Bilbao oder Gijón.

Pilgerweg Camino del Norte Küste vor Llanes

Genauso vielfältig wie die Landschaft entlang des Weges sind die Menschen, die ihn laufen. Auf meiner Reise habe ich Pilgernde jeden Alters getroffen, aus der ganzen Welt und mit ganz unterschiedlichen Gründen für ihre Pilgerreise – und trotzdem waren wir alle auf eine Art gleich. Egal ob 60-jähriger Anwalt oder 18-jährige Abiturientin – wir liefen denselben Weg, unsere Füße taten abends weh und wir waren alle dankbar für jedes noch so klapprige Bett in den Pilgerherbergen.

„Der Jakobsweg beginnt an deiner Haustür!“

Diesen Satz habe ich von einem Pilger gehört, der in seiner Heimatstadt Kopenhagen gestartet und bis nach Santiago de Compostela gewandert ist. Und er hat recht! Es gibt ein weltweites Netz an Jakobswegen und auch in Deutschland stößt man regelmäßig auf die gelben Jakobsmuscheln als Wegmarkierung. Man muss ihnen nur folgen – egal ob einen Tag, mehrere Monate oder Jahre – die „camino magic“ findet man überall.

Pilgerweg Camino del Norte Spanien Camino magic

Vergleich der Pilgerwege in Spanien

Name des JakobswegesRegionLängeSchwierigkeitCharakteristik
Camino del Norte
„Küstenweg“
Nordspanien, entlang der AtlantikküsteCa. 830 kmMittel bis schwerHügelig, im Baskenland und Galizien sehr grün, viel entlang der Küste, wetteranfälliger wegen Küstennähe
Camino FrancésParallel zur Atlantikküste, jedoch ca. 100 km im LandesinnerenCa. 780-800kmmittelLandschaftlich abwechslungsreich; der bekannteste Jakobsweg von allen, daher in der Hauptsaison schnell überlaufen, aber auch sehr gut ausgebaut mit vielen Herbergen und guter Infrastruktur
Camino PortuguésZwei Varianten: entweder entlang der portugiesischen Küste oder im LandesinnerenCa. 240-260 kmLeichtGilt als anfänger:innenfreundlich, da sehr flach und relativ kurz, gute Infrastruktur
Camino PrimitivoNordwesten SpaniensCa. 310-320 kmSchwerÄltester, ursprünglichster Weg, viele Höhenmeter, sehr naturbelassen und einsam, weniger Infrastruktur
Via de la PlataQuer durch Spanien, von Sevilla im Süden bis Santiago im NordwestenCa. 1000 kmMittel bis schwerIm Sommer sehr heiß, lange Etappen zwischen den Herbergen

Nützliche Links:
Hier sind alle Wege eingezeichnet, sodass man sie gut vergleichen kann: Vergleich der Jakobswege
In etlichen Facebook-Gruppen findet man alle Fragen beantwortet, z. B.: Jakobswegforum

Pilgerweg Camino del Norte Spanien Buen Camino

Wart ihr auch schon mal auf einem Jakobsweg unterwegs? Was waren eure Erfahrungen? Schreibt es in die Kommentare!

Über die Autor:in

Franja Eden

Franja ist studierte Kulturarbeiterin und Auszubildende zur Tischlerin. Wenn sie gerade keine Kulturveranstaltungen organisiert oder in der Werkstatt steht, geht sie wandern, übernachtet in der Hängematte, geht klettern oder macht Marmelade, Brot oder Sirup selbst.

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