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GR20 – wirklich der härteste Fernwanderweg Europas?


Mara KuttlerText / Fotos

Schroffe Gipfel, saftige Bergwiesen und immer in der Ferne das Meer. Der GR20 auf Korsika führt über 180 km und 12.000 Höhenmeter quer durch die Gebirgslandschaft der kleinen Mittelmeerinsel. Mit Rucksack und Zelt stürze ich mich im Sommer 2024 in dieses Abenteuer, von Calenzana im Norden nach Conca im Süden. 15 Tage unterwegs, mitsamt schmerzender Blasen, farbenprächtiger Sonnenaufgänge, Unmengen traditionell hergestelltem Bergkäse und allen Facetten der korsischen Bergwelt.

*Titelbild: der Gipfel des Monte Renoso mit dem „Tête de Maure“ – das historische Symbol der Insel, das auch auf der korsischen Flagge zu sehen ist

Der Grande Randonée 20

GR20 steht für Grande Randonée 20, was so viel wie Fernwanderweg Nummer 20 bedeutet. Die Grandes Randonées sind ein vom französischen Nationalkomitee für Fernwanderwege (CNS) eingerichtetes Netzwerk an Fernwanderwegen, die sich durch Frankreich sowie die französischen Überseegebiete und einige Nachbarländer ziehen.

Skelette statt Schatten

Etwas nervös und voller Vorfreude stehe ich am Ausgangspunkt des GR20. Ein Holzschild auf einer flechtenbewachsenen Mauer kündigt die erste Etappe zum Refuge Ortu di Piobbu mit 6,5 Stunden an. Ich ziehe die Riemen meines Rucksacks nochmal fester und lasse die schattigen Gassen Calenzanas auf einem ausgetretenen Maultierpfad hinter mir. Bald geht es steil bergauf und das sanfte Grün der Vegetation wird von ausgedörrtem Braun abgelöst. Dazwischen leuchten Distelblüten wie lilafarbene Farbkleckse. Immer wieder öffnet sich der Ausblick auf die rotgedeckten Siedlungen unter mir und in der Ferne schimmert das Meer in diesigem Blau. Ich durchquere einen Abschnitt, wo offensichtlich Waldbrände gewütet haben – schwarz verkohlte Baumstämme säumen den Weg und die Überreste abgebrannter Bäume ragen wie Skelette in den wolkenverhangenen Himmel. 

GR20 Tour Facts

Dauerca. 15 Tage Strecke180 km Höhenmeter12.000 StartCalenzana ZielConca Terrainalpin bis waldig mediterran

Hitze, Aufstieg und ein schwerer Rucksack

Ich bin dankbar, dass der Himmel immer wieder zuzieht und ich nicht permanent der prallen Sonne ausgesetzt bin. Die erste Etappe ist technisch nicht schwierig, mit 1.360 Höhenmetern muss aber ein knackiger Aufstieg überwunden werden. Dazu kommt der ungewohnt schwere Rucksack. Zwar habe ich in den Wochen vor der Abreise Facebookgruppen und Foren durchforstet und alle Gegenstände auf meiner Packliste akribisch abgewogen. Da ich zum ersten Mal mit eigenem Zelt unterwegs bin, ist der Rucksack – mit etwa 14 kg – dennoch deutlich schwerer, als ich es von anderen Wanderungen gewöhnt bin.

Mein sorgfältig zusammengestelltes Equipment

Als ich am Refuge ankomme, sind schon einige Zelte auf dem grasbewachsenen Plateau verteilt. Ich suche mir einen ebenen Platz für mein Zelt und freue mich, als der Aufbau einigermaßen gut von der Hand geht. Zum Abendessen gibt es eine großzügige Portion Taboulé und Nudeln mit Tomatensoße. Als ich etwas später in meinem Zelt sitze und den orangefarbenen Sonnenuntergang betrachte, bin ich ziemlich glücklich.

Das Gebirge im Meer

Am nächsten Morgen folge ich dem Beispiel der anderen Wandernden und breche noch in der Dunkelheit auf, um die Nachmittagshitze möglichst zu umgehen. Im Verlauf der Etappe tauchen wir immer tiefer in das korsische Gebirge ein. Die Landschaft wird karger und bald sind wir von schroffen Gipfeln umringt.

Auf dem GR20 folgt ein atemberaubender Ausblick auf den nächsten.

Mara

Immer wieder sind leichte Kraxeleien erforderlich, wobei der durch den schweren Rucksack verlagerte Körperschwerpunkt eine zusätzliche Herausforderung darstellt. So geht es die nächsten Tage weiter. Geröllfelder müssen überquert werden, steile Auf- und Abstiege wechseln einander ab. Ein atemberaubender Ausblick folgt dem nächsten. Mal fesseln scharfkantige Felsformationen meinen Blick, mal leuchtet ein türkisfarbener Bergsee in der Ferne.

Blick vom Monte Cinto, dem höchsten Gipfel Korsikas

Höhepunkt der vierten Etappe ist der Abstecher zum Monte Cinto, der mit 2.706 Metern Korsikas höchster Berg ist. Gemeinsam mit einigen Mitwandernden deponiere ich den Rucksack an einer Weggabelung und wir machen uns um einige Kilo erleichtert auf die Kletterpartie zum höchsten Punkt der Insel. Wir haben Glück und werden mit einem Ausblick auf die umliegende Gebirgslandschaft belohnt, bevor der Gipfel wenig später in dicke Wolken gehüllt wird.

Freiheit im Kopf

An den immer gleichen Rhythmus habe ich mich bald gewöhnt. Zeltaufbau, Essen, Schlafen und morgens in aller Frühe die Sachen wieder zusammenpacken. Jeder Handgriff sitzt. Noch vor Sonnenaufgang im Lichtkegel der Stirnlampe loslaufen. Gemeinsames Abendessen an langen Tischen, begleitet von den sehnsuchtsvollen Klängen korsischer Volksmusik. Wenn ich zu Fuß unterwegs bin, fällt der Alltag schnell von mir ab, und Leichtigkeit stellt sich ein. Was zählt, ist die nächste Etappe. Der nächste Aufstieg, der nächste Abstieg, der nächste Schritt. Ich werde frei im Kopf und bin ganz im Moment.

Der schwerste Fernwanderweg Europas?

Der GR20 wird oft als der schwerste Fernwanderweg Europas, marketingwirksam sogar als der schwerste Fernwanderweg der Welt bezeichnet. Doch woran misst sich die Schwierigkeit eines Fernwanderweges überhaupt? Es gibt definitiv Fernwanderwege, die weiter sind, durch Gebiete mit extremeren klimatischen Bedingungen führen, oder schwerer zugänglich sind. Die besondere Herausforderung des GR20 liegt vor allem in den großen Höhenunterschieden sowie den vielen Kraxelpassagen, Felsen und Geröllfeldern. Vor allem auf der Nordhälfte gilt es, jeden Tritt achtsam zu setzten. Über mehrere Stunden am Tag, mehrere Tage am Stück kann das sehr anstrengend werden. Im Süden wird das Gelände dann weniger technisch, es ist eher möglich sich in Gesprächen oder Gedanken zu verlieren. Letztlich ist es sehr individuell, welche Kriterien die größte Herausforderung darstellen, und in welchem Gelände man sich am wohlsten fühlt.

Abschied vom alpineren Norden

Im Refuge Petra Piana wird der Abschied vom alpineren Norden des GR20 mit Karaoke und reichlich selbstgebrauter „Myrte“ begossen – einem Schnaps oder Likör aus den auf Korsika wachsenden dunkelblau‑violetten Myrtebeeren. Der folgende Abstieg nach Vizzavona leitet offiziell die südliche Hälfte des GR20 ein. Die Landschaft wird lieblicher, lichte Nadelwälder schützen vor der korsischen Sonne. Große Farne leuchten im Spiel von Sonne und Schatten in den verschiedensten Grüntönen. Zahlreiche Wasserfälle und Gumpen laden zum Verweilen ein. Und auch die Wegbeschaffenheit wird weniger anspruchsvoll. So gut mir die raue Gebirgslandschaft und die technischeren Passagen im Nordteil gefallen haben, so genieße ich es doch, mich nicht länger auf jeden Schritt konzentrieren zu müssen.

Einsame Bergwelt, oder heillos überlaufen?

Ein Geheimtipp ist der GR20 schon lange nicht mehr. Bereits auf der Fähre nach Korsika begegne ich anderen Wandernden und die Refuges sind gut gefüllt. Wer möchte, kann dennoch Einsamkeit finden. Die meisten Wandernden brechen morgens im gleichen Zeitfenster auf. Verlässt man das Refuge etwas früher oder später, trifft man in der Regel auf wenige andere Gesichter. Auf Wegvarianten und Gipfelabstechern abseits des Hauptwegs ist generell wenig los. Das Fazit: ob man die Einsamkeit sucht oder die Gesellschaft anderer Wandernden – die Erfahrung auf dem GR20 lässt sich zu einem gewissen Grad entsprechend gestalten.

Unterkunft und Versorgung auf dem GR20

Entlang des GR20 stehen die Refuges des PNRC (Parc Naturel Régional de Corse) zur Verfügung, daneben gibt es einige private geführte Unterkünfte und Bergeries. Die Schlafplätze in den Schlafsälen sind begrenzt und sehen in den meisten Fällen wenig verlockend aus. Zusätzlich gibt es die Option in Mietzelten oder im eigenen Zelt zu schlafen. Wenn man das eigene Zelt nutzt, ist es nicht immer leicht, einen ebenen Zeltplatz zu finden – vor allem, wenn man erst spät am Refuge eintrifft. Ich würde mich auch in Zukunft wieder für das eigene Zelt entscheiden. Es ist ein befriedigendes Gefühl, das kleine Zuhause immer bei sich zu tragen und im Notfall kann auch abseits der Refuges biwakiert werden.

5 Tipps für die Planung des GR20

  1. Reserviert die Refuges im Vorfeld über die Website des PNRC
    Auch wer mit dem eigenen Zelt unterwegs ist, sollte reservieren, da sonst der doppelte Preis fällig ist. Wer ein bis zwei Tage vor oder nach dem gebuchten Datum ankommt, hat in der Regel kein Problem. 
  2. Nehmt ausreichend Bargeld mit
    Kartenzahlung ist nicht möglich und auf dem gesamten GR20 gibt es keine Möglichkeit, um Geld abzuheben (auch nicht in Vizzavona).
  3. Packt einen Wasserfilter ein
    Es kommt immer wieder zu verunreinigten Wasserquellen. 
  4. Empfang ist nicht überall verfügbar
    Es kann vorkommen, dass über mehrere Tage keine Nachrichten durchgehen. Warnt Familie und Freunde besser vor, damit sie sich keine Sorgen machen.
  5. Französischkenntnisse sind kein Muss, aber hilfreich
    Einerseits, da ein Großteil der Wandernden auf dem GR20 Französisch spricht, andererseits für die Kommunikation mit Einheimischen und Betreibern der Refuges.

Die Refuges am GR20 sind keine klassischen Hütten, wie man sie aus dem Alpenraum kennt, sondern Anlagen bestehend aus einem Haupthaus, darum verstreut eine Armada an Zelten sowie Sanitäranlagen und Kochmöglichkeiten. Wer nicht selbst kochen möchte, kann abends eine einfache Mahlzeit bekommen. An vielen Refuges gibt es auch kleine Lebensmitteldepots, die Preise sind dort aber relativ hoch. Die meisten Refuges sind nicht über Straßen erreichbar und müssen von Hubschraubern oder Maultieren versorgt werden.

Angekommen in Conca

Die Wanderung auf dem GR20 ist eine Erfahrung, die noch lange in mir nachklingen wird.

Mara

Während der letzten Etappen schleicht sich bereits Wehmut darüber ein, dass das Abenteuer GR20 bald vorbei sein wird. Das Ende ist dann abrupt und irgendwie unspektakulär: Der Wanderweg endet, ich stehe an einer Straße und befasse mich mit dem Busfahrplan und der Organisation einer Unterkunft. Was bleibt, sind die auf der Wanderung gesammelten Eindrücke. Die Begegnungen – seien es flüchtige Zusammenkünfte mit gastfreundlichen Einheimischen, oder Wandergemeinschaften, die aus der gemeinsamen Herausforderung heraus entstanden sind. Das neugewonnene Wertschätzen der kleinen Dinge – eine eisgekühlte Cola nach einem kräftezehrenden Aufstieg in der Sonne, oder das herrlich kühle Wasser eines Bergsees. Die Erkenntnis, wozu der eigene Körper fähig ist, und die Erinnerung an die melancholisch-herbe Schönheit des korsischen Gebirges. Die Wanderung auf dem GR20 ist eine Erfahrung, die noch lange in mir nachklingen wird.

Anreise zum GR20 ab München

Ich bin von München mit dem Bus nach Genua gefahren und von dort mit der Fähre nach Korsika übergesetzt. Das dauert zwar länger, für mich war die Anreise aber bereits Teil des Abenteuers – und ich hatte die Möglichkeit, mir Genua anzuschauen. Auch über Fragen wie die, ob Wanderstöcke im Handgepäck erlaubt sind, musste ich mir so keinen Kopf zerbrechen.

Wart ihr schon auf dem GR 20 unterwegs? Oder spielt ihr mit dem Gedanken? Schreibt es in die Kommentare!

Über die Autor:in

Mara Kuttler

Mara ist beruflich im Nachhaltigkeitsbereich tätig und beschäftigt sich mit Carbon-Footprint-Berechnungen. In ihrer Freizeit liebt sie das Reisen und verbringt besonders gerne Zeit in den Bergen – beim Klettern, Fernwandern oder Bergsteigen. Dazwischen genießt sie ruhige Moment mit einer Tasse Kaffee und einem guten Buch.

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