
Community Story
Your stories – your magazine! Hier lest ihr einen Artikel aus unserer Female Explorer Community. Wir freuen uns über EURE Einsendungen an: story@thefemaleexplorer.de
Praias, Penhascos & Pastéis – Auf den Pfaden der Fischer entlang Portugals wilder Westküste
Ich lasse den feinen warmen Sand durch meine Finger rieseln und blinzle gegen die Sonne. Weit unter mir schlagen die Wellen des Atlantiks mit einem dumpfen Ton gegen die Klippe, auf der ich stehe. Das kräftige Blau des Ozeans erstreckt sich kilometerweit, bis es am Horizont auf einen ebenso tiefblauen Himmel trifft. Die Luft riecht salzig und vermischt sich mit dem Geruch der Sonnencreme auf meiner Haut zu diesem unverwechselbaren Duft von Leichtigkeit, Sommer und purer Lebensfreude. Ich schmunzle – so kann Weitwandern also auch aussehen. Nach meinen Touren in Skandinavien ist der Fisherman’s Trail in Portugal das totale Kontrastprogramm! Dagegen sollte sich so ein Küstenpfad im Süden mit einfachen Wegen und wenigen Höhenmetern ja wie „Urlaub“ anfühlen – oder?!

Was genau ist der Fisherman’s Trail in Portugal?
Der Fisherman’s Trail ist Teil des Rota Vicentina-Wandernetzwerkes im Südwesten Portugals. Er folgt den jahrhundertealten Pfaden der Fischer, die entlang der Klippen zu ihren Angelstellen zogen und durchquert eines der letzten nahezu unberührten Küstengebiete Südeuropas.
Von Porto Covo bis Odeceixe: Der bekannteste Abschnitt des Fisherman’s Trails
Unser zweiwöchiges Abenteuer startet Mitte März im kleinen Fischerdorf Porto Covo. Da der Fisherman’s Trail inzwischen zu einem der beliebtesten Weitwanderwege Europas geworden ist, lernen wir gleich am ersten Abend Gleichgesinnte aus den unterschiedlichsten Ländern kennen. Neben unserer Leidenschaft fürs Wandern haben wir alle eines gemeinsam: Niemand weiß, wie man diesen seltsamen Ort Odeceixe ausspricht, der für die meisten, die nur einen Teil des Trails laufen, das Ziel sein wird. (Glücklicherweise wurden wir noch aufgeklärt und können euch diese Zungenakrobatik ersparen: es heißt wohl »Oh-de-seysch«).
Trail-Facts
Porto Covo ›
Lagos (Nord-Süd)

Als wir bei strahlendem Sonnenschein unsere Rücksäcke schultern und die ersten Schritte Richtung Süden laufen, wächst die Vorfreude auf die nächsten Tage. So sehr sehnen wir uns nach dieser Einfachheit beim Weitwandern, dieser Reduktion auf das Wesentliche, fernab von to-do-Listen, Deadlines und dem hektischen Alltag. Ganz im Stil von Christine Thürmer – einfach nur Laufen, Essen, Schlafen. Aber wir freuen uns auch auf jede Menge Sonne, hohe Klippen und weitläufige Sandstrände. Doch schnell merken wir, dass wir uns auf den ‚Sand‘-Part mal lieber nicht so sehr gefreut hätten… Der liegt nämlich nicht nur auf den traumhaften Stränden, sondern einfach überall auf den Wegen, auch oben auf den Klippen! Und das verpasst unserer Durchschnittsgeschwindigkeit einen neuen Tiefenrekord. Es sieht nicht nur ulkig aus, wie wir mit den schweren Rucksäcken durch den knöchelhohen Sand stapfen, es ist auch unfassbar anstrengend.

Frühlingssonne auf der Rota Vicentina
Die Sonne feuert schon jetzt im März mit aller Kraft vom Himmel und Schatten ist auf dem Trail leider Mangelware. Als es eine Alternativroute über den unter uns liegenden Strand gibt, zögern wir keine Sekunde. Beim Packen zu Hause haben wir lange überlegt, ob man im März überhaupt schon im Atlantik baden kann. Dass wir direkt am zweiten Tag ohne Zögern ins Meer stürmen, hätten wir nicht gedacht. Mit einer Mischung aus Meersalz, Sonnencreme und Sand auf der Haut liegen wir einige Stunden später nach einem gigantischen Sonnenuntergang ziemlich erschöpft, aber glücklich in unseren Schlafsäcken.
(Not so) Fun Fact: Obwohl man die ganze Zeit an der Westküste entlang läuft, wird man in der Regel keinen Sonnenuntergang über dem Meer sehen, wenn man in Unterkünften schläft, da die Etappenzielorte immer weiter im Inland liegen.



Der nächste Tag hält einen abwechslungsreichen Mix an traumhaften Landschaften bereit: hohe, grün bewachsene Sanddünen, zerklüftete, felsige Küstenabschnitte und unberührte Pinien- und Eukalyptuswälder. Als wir im Schatten der großen Bäume Pause machen, legt sich der würzige Eukalyptus-Duft um uns wie in einem riesigen Erkältungsbad. Ein paar Kilometer weiter säumen meterhohe Bambuspflanzen unseren Weg und der auffrischende Wind erzeugt fast schon melodische Klänge durch das Aufeinander-Klopfen der Bambusrohre.
Typisches Atlantikwetter am Zwischenziel Odeceixe
Dann lassen die dunklen Wolken über uns die ersten dicken Tropfen des angekündigten Regenschauers herunter purzeln. Da es laut Wetterbericht heute auch nicht mehr aufhören soll, buchen wir uns noch schnell ein Zimmer für die Nacht. Der Regen nimmt in den folgenden Tagen noch weiter zu und so bleibt das Zelt erstmal im Rucksack und wir freuen uns auf heiße Duschen und ein Dach über dem Kopf.
Info: Obwohl im März Hauptsaison ist, klappt es super, sich spontan für den Abend noch eine Unterkunft zu buchen. (Und sollte die Unterkunft doch einmal weiter weg liegen, gibt es sogar im kleinsten Ort Uber)
Nach vier Tagen erreichen wir Odeceixe. Viele unserer Mitwandernden haben hier bereits ihr Ziel erreicht. Die 75 Kilometer lange Strecke von Porto Covo nach Odeceixe ist der bekannteste und meist gewanderte Teilabschnitt des Fischerpfades. Wie schon in den letzten Orten scheinen auch hier alle Restaurantgäste nur aus Wandernden zu bestehen. Wir unterhalten uns noch lange über die letzten Tage und lachen mit einer Frauengruppe, die aus der Nähe unseres Heimatortes kommt, über unsere Blauäugigkeit. „Wir sind schließlich die Alpen gewöhnt, wie anstrengend kann da schon ein Küstenpfad sein…“ – Jaja, da hat uns der Fischerpfad schnell eines Besseren belehrt!

Ab Odeceixe beginnt die Algarve, doch vom sommerlichen Flair dieser Region fehlt gerade jede Spur. Der Regen gibt nochmal alles und es dauert nicht lange, bis wir komplett durchnässt sind. Als wir den kleinen Ort Rogil passieren, winkt uns schon von weitem ein Mann aus einem Café zu sich herein. Während sich eine große Pfütze um uns herum bildet, führt er uns mit den Worten „I’ll explain you this heaven“ durch den verlockend aussehenden Inhalt der Kuchentheke.
Arrifana: Endlich angekommen im Wanderflow
Nach fünf Tagen auf dem Trail hat es dann plötzlich „klick“ gemacht und ich bin so richtig im Wandern angekommen bin. Kennt ihr diesen speziellen Moment, wenn die Anstrengung der ersten Tage, in denen jeder Muskel, jedes Gelenk und jede Sehne mal kurz ihre Anwesenheit deutlich machen muss, dieser besonderen Leichtigkeit weicht? Wenn die Schmerzen langsam verstummen und sich der Körper wieder daran erinnert, wie sehr er es liebt, zu Fuß unterwegs zu sein? Plötzlich fliegen die Kilometer nur so dahin.
In Arrifana lassen wir den Tag im gemütlichen SEA YOU SURF Café ausklingen. Der Surfer-Vibe liegt hier spürbar in der Luft. Im Hintergrund läuft leise Reggae-Musik und der an der Wand hängende Flatscreen überträgt nicht wie bei uns ein Fußballspiel, sondern einen Surf-Contest.


Was erwartet euch auf dem Fisherman’s Trail?
- 226 Kilometer wilde Atlantikküste
- eine der schönsten und unberührtesten Küstenregionen Europas
- eine bunte Mischung aus steilen Klippen, Traumstränden, duftenden Eukalyptuswäldern und verträumten kleinen Fischerorten
- quirliger Surf-Vibe im Süden und einsame Natur im Norden
- im Frühling ein Blütenmeer, schöner als in jedem botanischen Garten
- ein Mix aus authentischer portugisischer Küche und modernen, alternativen Cafés und Restaurants (mit vielen veganen Optionen)
- so viele Pastéis de Nata, dass ihr sie lieber nicht in eurer Kalorienbilanz mitrechnet
Das Glücksspiel mit den Gezeiten
Die siebte Etappe beschenkt uns dann endlich wieder mit strahlendem Sonnenschein! Aber der viele Regen der letzten Tage hinterlässt noch ein paar Nachwirkungen: Schon der erste Fluss, der uns heute den Weg versperrt, führt so viel Wasser, dass wir uns einen Weg außenrum suchen müssen. Wir haben Glück, dass gerade Ebbe ist und wir direkt am Meerufer im flacheren Mündungsbereich des Flusses erfolgreich auf die andere Seite kommen. Beim zweiten Fluss machen uns die Gezeiten aber leider einen Strich durch die Rechnung. Als wir am weitläufigen Praia da Bordeira mit seiner vorgelagerten Dünenlandschaft ankommen, weist uns ein Warnschild darauf hin, dass der Strand nur gut zu queren ist, „if sea conditions allow it“. Da wir aber sowieso eine kurze Strand-Pause einlegen möchten, laufen wir erstmal weiter in Richtung Meer. Als die ersten Mitwandernden wieder in umgekehrter Richtung an uns vorbeilaufen, ahnen wir nichts Gutes. Wir erfahren, dass das Wasser im Fluss wohl bis zum Bauch reicht und die Flut gerade ihren Höchststand hat. Die Alternativroute außenrum beschert uns zusätzliche fünf Kilometer. Sie führt uns etwas weiter im Inland über eine Betonbrücke, und auch diese steht ca. 20 Zentimeter unter Wasser. Wie viel hatte es bitte geregnet???

Auf dieser Karte könnt ihr euch über aktuelle Warnungen, wie z.B. Hochwassermeldungen, informieren.
Abendstimmung und Zeltromantik
Nach einer weiteren Nacht im Zelt unter einem atemberaubenden Sternenhimmel beginnen wir den nächsten Tag mit einem entspannten Frühstück auf den Klippen. Die Ruhe, die um diese Uhrzeit noch auf dem Trail herrscht, ergibt zusammen mit dem warmen Licht des Sonnenaufgangs eine magische Stimmung, die wir nur mit ein paar Fischern und den über uns kreisenden Möwen teilen.

Zelten auf dem Fisherman’s Trail
In einigen Orten entlang des Trails gibt es offizielle Campingplätze. Wildcampen ist in Portugal generell nicht erlaubt, wird außerhalb der Saison aber oft toleriert, wenn man sich entsprechend verhält. Das leave-no-trace-Prinzip ist dabei, wie immer beim Campen, absolut oberstes Gesetz. Auf dem Fischerpfad sind viele Bereiche zwischen den Orten Naturschutzgebiet, das sollte unbedingt respektiert werden.
Auf der Strecke nach Vila do Bispo sammeln wir durch ein ständiges Up and Down hinunter zu Stränden und wieder hinauf auf die Klippen doch noch ordentlich Höhenmeter. Landschaftlich ist es dafür definitiv eine der schönsten Etappen! Auch am Tag darauf gibt die Natur nochmal alles: Zuerst laufen wir vorbei an zerklüfteten, scharfkantigen schwarzen Klippen, später an roten Sandstein-Schluchten mit Badland-Relief. Dazwischen ein Meer aus bunten Blüten. Der Frühling legt sich hier gerade ordentlich ins Zeug. Als würden wir durch ein riesiges, perfekt angelegtes Staudenbeet laufen, sprießen überall bunte Blumen aus den sandigen Dünen.
Bei der nächsten Aussicht auf einen Sandstrand treibt uns die brütende Mittagshitze dazu, nochmal ein paar extra Höhenmeter einzuplanen und hinunter zum Meer zu klettern. Wir werfen die Rucksäcke in den Sand und sprinten ins Meer, lassen unsere überhitzten Körper von den brechenden Wellen überspülen. Zwei Stunden Strandentspannung, Snackpause und eine Guitarlele-Session später kraxeln wir wieder hoch zum Trail und laufen noch die restlichen Kilometer bis zu unserem ersten großen Ziel – dem Cabo de São Vicente, der südwestlichste Punkt Europas!



Neue Klarheit am Ende Europas
Mit Blick auf den roten Leuchtturm am Ende des Festlandes setzen wir uns auf die Klippen. Wir genießen einen weiteren traumhaften Sonnenuntergang und betrachteten gedankenverloren die Möwen, die zu hunderten über der großen Felsinsel im Wasser ihre Runden drehen. Wir philosophieren über die Zukunft und wo sie uns wohl noch hinbringen wird. Kennt ihr das? Auf Tour wissen wir immer genau, was für uns im Leben wichtig ist, wo wir hin möchten und was wir uns für unsere Zukunft wünschen. Aber kaum sind wir wieder Zuhause und haben diese ganzen gesellschaftlichen Rollen wieder übergezogen, verschwimmt alles irgendwie wieder…
TIPPS FÜR EUER FISherman’s Trail-ABENTEUER
- Absolutes Must-have
Sand-Gamaschen sind auf diesem Trail eure besten Freunde, wenn ihr nicht alle paar Meter eine Ladung Sand aus euren Schuhen kippen wollt! - Pack light!
Haltet euer Rucksack-Gewicht so leicht wie möglich – auf den tiefen Sandpassagen merkt ihr jedes Gramm - Insider-Tipp
Die Laundry Lounge in Sagres kombiniert Waschsalon & Surfcafé – gemütlich Mittagessen oder Kaffee trinken während die Kleidung wäscht - Check the tide!
Habt am besten einen Screenshot oder Ausdruck der aktuellen Gezeitentabelle für Strände mit Flussquerungen dabei - Maximale Flexibilität
Wenn ihr weniger Zeit habt, könnt ihr einfach ein beliebiges Teilstück des Trails oder auch nur einzelne Tagesetappen aussuchen, weil alle Orte gut mit öffentlichen Verkehrsmittel angebunden sind. Je nach Wetter oder körperlicher Verfassung können so ggf. auch einzelne Tagesetappen übersprungen werden. - Wählt euren Wanderkomfort
Vom organisierten Gepäcktransport mit vorgebuchten Unterkünften hin zu maximaler Spontanität mit Campingausrüstung ist alles möglich - Nehmt Bargeld mit
Viele Strandbars oder Bäckereien haben kein Kartenlesegerät

Vom Cabo de São Vicente entlang Portugals Südküste bis nach Lagos
Mit diesen Gedanken im Kopf laufen wir am nächsten Morgen die restlichen Kilometer bis nach Sagres. Die letzten zwei Tagesetappen sind landschaftlich nochmal eine absolute Kirsche auf der Sahnehaube: Mit den faszinierenden Felsformationen der berühmten Ponta da Piedade im Blick laufen wir schließlich in Lagos ein. Wir haben so viele neue Erinnerungen im Gepäck, dass uns die zwei Wochen eher wie zwei Monate vorkommen. Und noch etwas anderes nehmen wir mit nach Hause: Die Ideen und Visionen vom Cabo São Vicente und den Mut, endlich dafür loszugehen.
Habt ihr den Fisherman’s Trail auch auf eurer Bucketlist – oder sogar schon hinter euch? Und kennt ihr dieses Gefühl, auf Tour irgendwie mehr ihr selbst zu sein als im Alltag und plötzlich ganz genau zu wissen, was ihr im Leben wollt? Schreibt es in die Kommentare!