Alpenüberquerung barfuß Titelbild quer

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Barfuß durch die Westalpen – solo auf der Grande Traversata delle Alpi


Anna HeimkreiterText / Fotos

Fotografin und Langzeitreisende Anna Heimkreiter nimmt uns mit auf eine Solo-Fernwanderung durch die italienischen Westalpen. Im Piemont, wo die Wege noch wild und einsam sind, folgt sie einen Monat lang den Spuren der Grande Traversata delle Alpi. Eine Herausforderung mit vielen Höhenmetern – und wenig Schuhwerk.

Was mache ich hier eigentlich? Wer sich jemals ein Ziel gesetzt hat, das viel zu groß und unmöglich scheint, kennt diese Frage und das damit einhergehende Anzweifeln des eigenen Verstandes gut. Mit über 15 Kilo auf dem Rücken krieche ich schwer atmend den ersten Gebirgspass hoch. Natürlich habe ich zu viel eingekauft, denn noch mehr Angst als vor Gewitter, Einsamkeit und wilden Tieren habe ich vor dem Verhungern.

Die GTA einsame Schönheit

Der sandige Boden reibt warm an meinen Füßen. Ein klarer Gebirgsbach plätschert an mir vorbei. Es ist eine Bilderbuchkulisse – und trotz der Absurdität meines Vorhabens erfasst mich unbändige Freude. Die Grande Traversata delle Alpi (GTA) liegt in ihrer vollen Schönheit vor mir, ein Weg, wie es ihn nur selten in den Alpen gibt. Das einsame Kontrastprogramm zu Tour de Mont Blanc und Alta Via.

Auf einem wilden Weg wie diesem würde man hartgesottene Wanderprofis erwarten. Stattdessen stehe da nun: Ich. Meine bisherige Erfahrung mit Fernwanderungen beschränkte sich zu diesem Zeitpunkt auf den Jakobsweg, der im Vergleich zur GTA geradezu lächerlich flach wirkt und zudem mit bester Infrastruktur glänzt. Alleine in der Natur im Zelt geschlafen hatte ich noch nie. Doch genau diese wilde Freiheit in den Bergen wollte ich unbedingt erleben. Und da ich in letzter Zeit sowieso selten Schuhe trug, kam noch ein Gedanke dazu: Warum eigentlich nicht barfuß?

Grande Traversata delle Alpi

Längeca. 1.000 km Dauerca. 65 Tagesetappen Höhenmeterca. 66.000 StartpunktAirolo, an der schweizerisch-italienischen Grenze EndpunktVentimiglia am Mittelmeer

So weit die Füße tragen

An diesem sonnigen ersten Tag will ich es langsam angehen. Meine Füße müssen sich erst an das ungewohnte Gewicht des Rucksacks gewöhnen und auch meine Lungen merken auf 2.500 Metern, dass die Luft dünner wird. Und noch etwas liegt in der Luft – Gewitter. Es ist Mitte August. Sommergewitter stehen auf der Tagesordnung. Diese werden die kommenden Wochen meinen Tagesrhythmus bestimmen: Früh morgens den höchsten Punkt des Tages überqueren, um bis zum Gewitter möglichst aus der Gefahrenzone heraus zu sein. Zum Schutz verbringe die erste Nacht in einem kleinen Biwak. Dort liegt ein kleines Buch des CAI aus, in dem Wanderer sich mit Namen, Herkunft, Datum und Etappenziel eintragen können. Ziel… Ich lächle und schreibe wagemutig „Ventimiglia“ hin. 1.000 Kilometer südlich von hier. Ob ich jemals dort ankommen werde? Ich weiß es nicht. Aber, getrieben von unbändigem Optimismus und nicht-mehr-ganz-so-jugendlichem Leichtsinn, will ich herausfinden, wie weit mich meine Füße tragen.

Von Glück und Schokojoghurt

Schon die ersten Tage sind ein unvergleichliches Abenteuer. Berge, soweit das Auge reicht. Rauschende Bäche. Saftige Wiesen. Reich gefüllte Blaubeerbüsche. Gebirgsseen. Und Gewitter, immer wieder Gewitter. Die vierte Nacht auf der GTA geht in die Geschichte meiner schlimmsten Zeltübernachtungen ein: Ein so eindrucksvolles Donnern und Blitzen braust im Dunkeln über mich hinweg, dass ich mir verzweifelt wünsche, es wäre eine Hütte in der Nähe, zu der ich absteigen könnte. Oder möge mich doch der Erdboden verschlucken! Doch hier draußen bin ich auf mich alleine gestellt – und so harre ich aus, bis endlich Ruhe einkehrt, sich mein Herzschlag beruhigt, und der Schlaf mich übermannt.

Nach 5 Tagen erreiche ich – schuhlos und mit fast leergefuttertem Rucksack – einen Hauch von Zivilisation. Eine Tankstelle! Der Schokojoghurt, den ich auf dem Boden sitzend löffle, kommt mir vor wie ein Stück Paradies. Viele Fernwanderer berichten von diesen Phänomen, das auch ich auf dieser Reise wieder und wieder erlebe: Die kleinsten Dinge werden plötzlich zum größten Luxus. Was wir zuhause als alltäglich betrachten, erhält unschätzbaren Wert. Eine Dusche, ein sicherer Schlafplatz, eine wohltuende Mahlzeit. Vielleicht ist Glücklichsein eigentlich gar nicht so schwer?

Zwischen zauberhafter Einsamkeit und körperlicher Grenzerfahrung

Der Reiz der Grande Traversata delle Alpi liegt in ihrer Einsamkeit. Vielen Menschen begegne ich nicht, Fernwanderern noch weniger. Und dennoch, mein Italienischvokabular wächst von Tag zu Tag, denn die wenigen Wanderer, die mir entgegen kommen, können meine Erscheinung kaum unkommentiert lassen. Den Ausruf „a piedi nudi!“ (=barfuß) lerne ich sehr schnell zu verstehen, und auch: „pazza!“ – verrückt. Ja, ein bisschen verrückt ist das schon, was ich hier mache, das ist mir durchaus bewusst. Körperlich komme ich jeden Tag an meine Grenzen, denn die GTA ist steil, sehr steil. Mindestens 1.000 Höhenmeter hoch, auf der anderen Seite direkt wieder mindestens 1.000 Höhenmeter runter. So eng, wie sich diese Täler schuppen, müssen die Erdplatten hier einst mit gewaltiger Wucht aufeinandergeprallt sein.

Durch die steilen Anstiege verbringe ich viel Zeit auf Pässen zwischen 2.000 und 2.700 Metern über dem Meeresspiegel. Eine magische Höhenlage – hier oben beginnt die Stille. Wer einsam zwischen den gigantischen Felsbrocken umherwandernd stehenbleibt, vernimmt bald nur noch seinen eigenen Atem. Erst schneller, dann immer ruhiger. Die Wildheit der kargen, alpinen Landschaft sagt es deutlich: Du, kleiner Mensch, bist hier nur Gast. Auf Dauer wäre diese Umgebung lebensfeindlich. Doch für den Moment bin ich hier genau richtig.

Die Grande Traversata delle Alpi: Ein Stück Geschichte

Oft folgt der Weg alten „Mulattieras“, Maultierpfaden. Die großen, abgelaufenen Steine schmiegen sich angenehm an meine nackten Fußsohlen. Früher florierte hier die Berglandwirtschaft – heute erinnern nur noch die vielen zerfallenen Steinhütten daran. Durch die Abgeschiedenheit der Täler bildeten sich auch kulturelle Besonderheiten heraus, wie die Walsersiedlungen oder das aus Frankreich stammende Okzitanisch. So sind auch viele der Dörfer, die ich auf meiner Wanderung durchquere, nur noch spärlich besiedelt, viele davon nur in den Sommermonaten. Dennoch, es reicht um meine Vorräte wieder aufzufüllen und hier und da die himmlische Kombination aus Cappuchino und Croissant zu ergattern. Doch auch alle Cornetti dieser Welt können die knochentiefe Erschöpfung nicht beseitigen, die sich Tag für Tag mehr ausbreitet. Würde ich dieses Abenteuer wiederholen, würde ich nur eines anders machen: Mehr Pausentage.

Mission Barfuß: Wenn weniger plötzlich zu viel wird

Erst nach 15 Wandertagen quartiere ich mich in ein Hostel in Biella ein. Viel zu spät, denn inzwischen tut jeder Schritt weh. Das Barfußlaufen auf steinigen Wegen war ich zu diesem Zeitpunkt bereits gewohnt, doch das zusätzliche Gewicht des Rucksacks hatte ich unterschätzt. Meine Fußsohlen schmerzen höllisch und auch nach zwei Tagen Pause verspüre ich keine Besserung. So schön Barfußwandern auch ist: Ich bin kein Masochist. Es ist eindeutig Zeit, vom Extremprogramm auf Komfort zu wechseln. Also upgrade ich auf einen Barfußschuh mit dickerer Sohle und gönne mir ab nun mehr beschuhte Kilometer. Eine komplett barfüßige Alpenüberquerung halte ich nach wie vor für möglich – aber wohl doch besser nur mit leichtem Gepäck und entsprechendem Training. Lektion gelernt.

Schlafen, wo auch immer der Tag endet

Da ich nicht in Hütten übernachte, halte ich ab spätem Nachmittag bereits Ausschau nach geeigneten Übernachtungsplätzen. Diese zu finden ist nicht immer leicht, aber immer möglich. Teils muss ich noch einige Kilometer dranhängen oder mit ungewöhnlichen Umständen vorlieb nehmen. Zwischen struppigen Büschen eingeklemmt: 5/10 Punkten. Von Kühen zur Nachtwanderung gezwungen: 3/10. Im Schutz kleiner Kapellen gestrandet: 9/10. Auf gefrorenem Hagel durch die Nacht gezittert: 0/10. Allen Widerständen zum Trotz fühlt sich mein kleines grünes Zelt inzwischen nach Zuhause an. Letztendlich verbringe ich – bis auf die Pausentage in größeren Orten – jede einzelne Nacht wild in der Natur. Auch das Rascheln von Tieren, das mich die ersten Nächte noch wachgehalten hat, beunruhigt mich nicht mehr. Stattdessen genieße ich die einzigartige Ruhe fernab von anderen Menschen und Straßen. Den unfassbaren Sternenhimmel über mir. Und den magischen Blick in die Wildnis, wenn ich morgens aus dem Zelt luge.

Wildcampen in Italien – darf man das?
Wie in vielen europäischen Ländern ist auch in Italien das Wildcampen offiziell verboten. Solange man sich respektvoll verhält, wird es jedoch meist toleriert. Das heißt: Abgelegene Orte suchen, keine Spots online teilen und vor allem: leave no trace!

Unglaublich hart, unglaublich schön

Ich fühle, wie ich langsam stärker werde. Ja, es ist immer noch das verdammt Anstrengendste, das ich jemals gemacht habe, aber trotzdem… da ist auch ein gewisses Gefühl von Stolz. Auch wenn meine täglichen Kilometer unter dem Durchschnitt liegen – meine Dankbarkeit für einen gesunden Körper und Beine, die mich Schritt für Schritt vorwärts tragen, ist groß. Auch mental macht dieser Weg etwas mit mir. Alleine in der Natur unterwegs zu sein offenbart, wer du wirklich bist. Hier draußen fühle ich mich zutiefst mit mir selbst verbunden. Ganz einfach, ganz ehrlich. Ich fühle mich unfassbar lebendig und frei. Gerade auch weil ich mich meinen Ängsten stellen musste, um hierher zu kommen. Es sind selten die einfachen Erfahrungen, die für tiefe Erfüllung sorgen. Ab und an aus unserem komfortablen Leben auszubrechen, tut uns gut – so intensiv (er)leben wir sonst selten. Es ist unglaublich hart. Es ist unglaublich schön.

Alle Wege…

Inzwischen ist es Mitte September. Der Herbst zieht ein und es wird ungemütlich. Schon reicht mein Schlafsack mit 0°C Komforttemperatur nicht mehr aus. Ich treffe eine Entscheidung, die mir zwar nicht leicht fällt, aber im Einklang mit dem steht, was ich auf dieser Wanderung gelernt habe: Sich herauszufordern ist gut, sich zu quälen bringt wenig. Und so verabschiede ich mich nach gut 500 Kilometern von der GTA – diesem wunderwunderschönen Weg – und breche auf in wärmere Gefilde. Weitere 500 Kilometer bin ich dennoch gelaufen. Nur eben nicht nach Ventimiglia, sondern nach Rom. Alle Wege führen ja sowieso dorthin.

Habt ihr euch schon mal getraut, barfuß zu wandern? Schreibt es in die Kommentare!

Über die Autor:in

Anna Heimkreiter

Anna Heimkreiter ist Reisende und Fotografin. Auf ihren Solo-Abenteuern erkundet sie am liebsten die wilderen Ecken Europas – ob zu Fuß, im Camper, oder auf dem Fahrrad – und hält diese in Bildern und Worten fest.

Kommentare


  1. Danke für den Beitrag.
    Ich mag barfuss in der Natur wandern sehr.
    Leider werden vielbegangene Wege (zu) oft mit Schotter behandelt, deshalb suche ich eher wenig begangene Wege.

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