Community Story

Your stories – your magazine! Hier lest ihr einen Artikel aus unserer Female Explorer Community. Wir freuen uns über EURE Einsendungen an: story@thefemaleexplorer.de

Mit 80 km/h auf dem Longboard durch die Anden


Annina BrühwilerText/Fotos

Marcelo CornejoTitelbild

Julie RebaudoFotos

»Ich bin zu alt dafür. Das lerne ich doch nie! Und sowieso, ich bin eine Frau, das kann ich nicht!« Solche Gedanken kennen viele. Mich haben diese Glaubenssätze bis Mitte 20 davon abgehalten, meiner Faszination fürs Skateboarden nachzugehen. Durch Zufall fand ich Zugang zum Downhill Skateboarden. Heute, acht Jahre später, rase ich auf verschiedenen Kontinenten mit meinem Skateboard Passstraßen runter und gebe meine Learnings in Skate Kursen anderen Frauen weiter. Wie ich es geschafft habe, meine Ängste über Bord zu werfen und was ich auf meinen Skateboard Reisen erlebe, erzähle ich euch hier. 

Skateboarden,
egal welche
Disziplin, gibt mir enorm viel:
Im-Moment-Sein, Zeit an der frischen Luft, Adrenalin und Endorphine, neue Freund:innen auf der ganzen Welt und – zugegeben, ab und zu auch einen gebrochenen Knochen.
No pain, no gain.

Annina

In den Anden Perus
Freiheit auf vier Rollen

Ich pushe los, schliesse das Visier meines Integralhelmes, nehme eine geduckte Position auf dem Downhill Skateboard ein. Bald rase ich mit 80 km/h die kurvenreiche Straße in den Colca Canyon in den Anden Perus hinunter. In meinen Kopfhörern höre ich fortlaufend Libre, libre. Carlos fährt das Sicherheitsauto und bestätigt uns, dass kein Auto entgegenkommt. Wir – das sind Downhill Skater Marcelo, Sergio, Victor und Jorge aus der peruanischen Stadt Arequipa und ich. Ich kenne sie erst seit wenigen Stunden. Gemeinsam mit den Jungs rase ich auf die erste Kurve zu, bin absolut im Moment. Alles was nun zählt sind ich und mein Skateboard. Ich habe ein riesiges Grinsen im Gesicht: Skaten macht mich einfach glücklich. Wir machen einige Abfahrten, bis wir uns nach einem kitschigen Sonnenuntergang auf den Nachhauseweg von den Anden in die Großstadt Arequipa machen. 

©Kuntur Dub

That was another best day of my life,
werde ich auf dem siebenwöchigen Skate Trip durch Peru noch einige Male sagen.


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Skaten ohne Grenzen
Skateboard Reisen rund um die Welt

Es ist nicht meine erste Reise samt Deck auf einem anderen Kontinent: Ich bin bereits mehrere Male für einen Skate-Trip nach Indonesien gereist, um dort mit den Einheimischen zu skaten. Im selben Jahr war ich zudem für zwei internationale Rennen auf den Philippinen. Während ich auf den indonesischen Inseln damit rechnen muss, dass mir plötzlich Hühner oder Affen aus dem Gebüsch vor die Rollen springen, sind es in Peru vor allem streunende Hunde, die uns bellend nachjagen. 

Downhill-Community
Skaten als Eintrittskarte ins lokale Leben 

Ich mag diese Art zu Reisen besonders: Allein losziehen mit Downhill-Skateboard und Protektoren im Gepäck, mich mit anderen Skater:innen zu vernetzen und vor Ort in die lokale Kultur einzutauchen – sei dies in Asien, Südamerika oder Europa. Die weltweite Downhill-Community ist gut vernetzt und über drei Ecken kennen sich praktisch alle. Die Vernetzung findet oft über Social Media statt. Oft nehme ich auf meinen Skateboard Reisen via Instagram Kontakt mit einheimischen Skater:innen auf. Unterwegs werde ich dann von ihnen am Flughafen abgeholt, wie auch von den Jungs (alle sind deutlich jünger als ich) aus Arequipa. Ich darf bei ihnen auf der Couch schlafen und am Familienleben teilnehmen.

Skaten in den Pyrenäen|©Association de Longboardeurs Toulousains

Auch in Bali und auf Lombok habe ich viel Zeit mit den einheimischen Skatern verbracht, sind gemeinsam die Vulkane runter geskatet. Ich war nach kurzer Zeit Teil der Community und durfte an einer balinesischen Beerdigung teilhaben. Zu meiner Überraschung war die Beerdigung alles andere als traurig und bedrückend, sondern ein grosses Fest zum Übergang der Seele ins Reich der Toten. 

Vertrauen auf Rollen
Grenzenlose Skateboard Reisen

Bei fremden Menschen, grösstenteils Männern, ins Auto zu steigen oder im selben Zimmer zu schlafen, gehört zum Dauerprogramm auf meinen Skateboard Reisen. In Hostels verweile ich nur in Ausnahmefällen und komme kaum in Kontakt mit anderen Backpackern. Durch die gemeinsame Leidenschaft und die überschaubare Community ergibt sich so etwas wie ein Vertrauensvorschuss. Ich fühle mich stets wohl und freue mich, die Herzlichkeit und Offenheit anderer Menschen zu erleben. Und natürlich gemeinsam die Bergstraßen runterzufahren oder durch die Stadt zu skaten. Die Sprachbarriere überwinden wir mit einem High Five nach der rasanten Abfahrt und überbrücken die Fahrzeit mit Youtube-Videos von gemeinsamen Skate-Idolen. Nicht selten bin ich die einzige Frau in einer Gruppe von zehn einheimischen Skatern. Mit der hellen Haut und durch meine Körpergröße falle ich auf wie ein bunter Hund. 

©Kuntur Dub

Wie ein Skatecamp mein Leben veränderte

Dass ich jedes Jahr einige Wochen bis Monate mit dem Skateboard herumreise und auch Rennen fahren würde, konnte ich mir ein paar Jahre davor kaum vorstellen. Obwohl mich Skaten schon als Kind faszinierte, traute ich es mir nicht zu. Es fehlte mir an weiblichen Vorbildern in dieser von Männern dominierten Sportart. Als ich 20 Jahre alt war, hatte ich das Thema Skateboarden für mich aufgegeben. Mit 24 Jahren fand ich per Zufall ein Skate Camp für erwachsene Frauen und meldete mich an. Diese Woche war der Gamechanger für mein Leben. Ich lernte meine ersten Slides (Bremsen durch Querstellen des Boards) und meine neue Skate-Freundinnen kennen. Ich erlebte die Kraft von rein weiblichen Skate-Kursen und dem Zusammenhalt der Community.

Seaside Race Philippines | ©Miko Montifar

Endlich fand ich einen Sport, an dem ich dranbleiben wollte – trotz zahlreicher blutiger Schürfwunden, schmerzhaften Prellungen und einem hohen Verschleiss an Schuhen und Hosen. Ich hatte Spaß daran, auch nach 50 Stürzen nochmals einen Versuch zu wagen und freute mich über jeden noch so kleinen Erfolg. Durch die Freude am Downhill und die Kontakte zu anderen Skateri:nnen fand ich auch Zugang zu anderen Skate-Disziplinen wie Pumptrack, Surf Skate, Longboard-Dancing oder Miniramp und Street Skate. Obwohl, einen Ollie kann ich immer noch kaum, und Treppen und Rails überlasse ich lieber den anderen. 

Skateboard Glossar

  • Dancing Longboard
    sehr langes, teils weiches Brett, auf dem man Schrittfolgen und Pirouetten ausführen kann
  • Downhill Skateboard/Longboard
    kurzes, robustes Brett mit grossen Rollen, das sich für hohe Geschwindigkeiten eignet
  • Street Skate
    klassisches Skateboard, mit dem sich Tricks im Park oder in der Miniramp machen lassen
  • Surfskate
    Brett mit speziell weichen Achsen, um die Turns auf dem Surfbrett auf dem Festland nachzuahmen
  • Cruiser
    Kurzes Brett mit weichen Rädern, ähnlich wie ein Pennyboard; eignet sich für den Alltag oder den Pumptrack
  • Pumptrack
    Asphaltierter Rundkurs aus Hügeln und kurven, bei dem man mit „Pumpen“ Geschwindigkeit aufbaut
  • Sliden
    Kontrolliertes Rutschen (quergestelltes Brett) auf allen Rollen und einer Hand, um vor einer Kurve zu bremsen

Lebensschule Skateboard
Meine wichtigsten Learnings

Skaten hat mich fürs Leben geprägt, hat mein Mindset verändert, insbesondere meinen Umgang mit Risiko und Unbekanntem. Das hat mich auch für meine Selbstständigkeit als Kommunikationsberaterin geprägt. Meine wichtigsten Learnings sind:

Du bist nie zu alt, etwas Neues zu lernen

Lange hatte ich das Gefühl, was ich mit 20 Jahren nicht kann, werde ich nie mehr lernen. Dank der Skate-Erfahrung fällt es mir leichter, mich auf Neues einzulassen, traue mir mehr zu. So lernte ich das Surfen, Splitboarden und Klettern, baute einen Van aus, machte mich selbstständig. Und selbst bei kleinen Dingen im Alltag sage ich mir: Wenn ich mit 90 km/h die Straße runterfahren kann, dann kann ich auch DAS! Was auch immer das Das dann ist.

Der Körper lernt hinzufallen und wieder aufzustehen

Hinfallen gehört dazu, sowohl beim Skaten als auch sonst im Leben. Und auch das kann geübt werden. Mit der Zeit lernen Körper und Geist, wie selbst ein wilder Sturz abgefedert oder gar verhindert werden kann. Und ich weiß: Das Leben geht weiter, auch wenn ich mich mal auf der ganzen Länge hinlege.

Energy flows where attention goes

Die Energie fließt dahin, wo die Aufmerksamkeit hingeht. Dieses Naturgesetz habe ich auch schon auf die schmerzhafte Tour erlebt. Als ich in einer Kurve ausrutschte, fokussierte ich mich so verkrampft auf einen Pfosten, dass ich ihn prompt rammte und mir das Bein brach. Ich versuche nun möglichst dahin zu schauen, wo ich hinwill. Und Pfosten sollte man sowieso aus dem Weg gehen.

Full send or no send!
Ganz oder gar nicht lautet mein Motto
– nicht nur beim Skaten.

Community fördern anstatt Wettkämpfe fahren

Diese und weitere Learnings versuche ich auch an den zahlreichen Skate Kursen weiterzugeben. Nach zwei Wettkampf-Saisons hatte ich gemerkt, dass es mich mehr erfüllt, anderen das Skaten und die damit verbundene Lebensphilosophie näherzubringen, als Punkten und Podiumsplätzen nachzujagen. So organisiere ich in der Schweiz für das Projekt Longboard Girls Crew Switzerland  regelmässig Skate Kurse für Mädchen und Frauen. Wir sind Teil der internationalen Bewegung Longboard Girls Crew und haben alle dasselbe Ziel: Frauen empowern, Vorurteile abbauen und Communities aufbauen.

An den Workshops erleben die Teilnehmenden einen Safe-Space, werden wortwörtlich an der Hand genommen und haben ein prägendes Erfolgserlebnis, das sie sich nicht einmal im Traum vorstellen konnten. Wenn ich am Anfang des Kurses sage: „Diese Rampe wirst du nachher runterfahren“, schauen mich viele kopfschüttelnd und mit großen Augen an. Zwei Stunden später fahren sie begeistert die Rampe runter – strahlende Gesichter überall.

Female Empowerment durch Brettsport

Ein Zitat besagt: »Ein Geist, der durch eine neue Erfahrung gedehnt wird, kann nie wieder in seine alte Dimension zurückgehen.« Skater:innen lernen auf körperlicher und geistiger Ebene, dass mit dem richtigen Umfeld, ein paar Tipps und etwas Zeit und Übung sehr viel mehr möglich ist, als sie am Anfang gedacht haben. Sie haben so den Grundstein gelegt für mehr solche Erlebnisse – mit und ohne Brett unter den Füssen. Skaten hilft, den Durchhaltewillen und die Resilienz zu stärken. Das sind Fähigkeiten, die in der heutigen Zeit immer wichtiger werden.

In meinem Fall wurde das Downhillen zu meiner Lebensschule. Es hilft mir, mentale Grenzen zu überwinden und gibt mir Zugang zu einer grossartigen Community. Und genau das möchte ich weitergeben und andere dabei begleiten, diese Türe für sich zu öffnen. So erfüllt es mich etwa gleichermassen, an einem Anfänger:innen-Kurs im Skatepark beim Drop-in zu helfen und mit dem Downhill-Skateboard eine Passstrasse in den Pyrenäen herunterzusausen. 

Was habt ihr von eurer Lieblingssportart fürs Leben gelernt? Erzählt es uns in den Kommentare!

Über die Autor:in

Annina Brühwiler

Annina ist selbstständige Kommunikationsberaterin, Texterin und Skate-Coach. Nach einigen Übersee-Reisen fährt sie nun regelmässig im Van quer durch Europa. Im Gepäck: Laptop, Surfboard und mindestens vier verschiedene Skateboards.

Wilder
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