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Meine Freiheit ist senkrecht – Profi-Kletterin Lara Neumeier im Portrait
Schwere alpine Mehrseillängen und tagelange Bigwall-Abenteuer mit Portaledge, bei denen auch alten Kletterhasen die Kinnlade nach unten klappt: Arc’teryx-Athletin Lara Neumeier klettert mit Ende 20 anspruchsvollste Routen in den Alpen, Wales, Frankreich, Sardinien und den USA. Die im Allgäu geborene Kletterin gehört zu den spannendsten Stimmen der internationalen Trad- und Alpinkletterszene. Doch während sich vieles immer stärker um Rekorde, Leistung und Selbstinszenierung dreht, wirkt Lara fast angenehm leise, reflektiert, nahbar – und hinterlässt damit umso mehr Eindruck.

Habt Träume. Traut euch auch an Projekte heran, die sich zu groß anfühlen. Und sucht euch Menschen, die euch unterstützen und ehrlich mit euch sind.
Lara
Vom Allgäu auf die Gipfel der Welt
Zum Klettersport kam Lara durch ihre Eltern, die selbst klettern und sie von Klein auf mit an den Fels und in die Berge genommen haben. Durch das Schulklettern begann sie mit dem Klettern in der Halle und nahm schnell an nationalen Wettkämpfen teil – doch sie beendete ihre Wettkampfkarriere 2015, mit gerade einmal 16 Jahren. Sie kehrte Wettkämpfen und Kletterhallen den Rücken, widmete sich ihrer wahren Leidenschaft, dem Felsklettern – und absolvierte nebenher noch ein BWL und Marketing-Studium. Mit dem Sportklettern als Basis erschließt sie sich nach und nach auch das Traditionelle Klettern, wagt sich an schwere Mehrseillängen und Bigwalls, die sie vorher tagelang mit ihren Kletterpartner*innen projektiert.
Lara, du bist erfolgreich und herausragend, in dem, was du tust – warum hast du deine Wettkampfkarriere dennoch so früh hinter dir gelassen? Was findest du am Fels und im Traditionellen Klettern, dass dir Hallen-Wettkämpfe nicht geben konnten?
L Meine Wettkampfzeit war kurz, aber rückblickend trotzdem unglaublich wertvoll. Ich habe gelernt, strukturiert zu trainieren, mit Druck umzugehen und an meine Grenzen zu gehen. Irgendwann hatte ich aber ein Plateau erreicht und wusste: der nächste Schritt auf internationalem Niveau hätte bedeutet, mich komplett auf die Halle zu fokussieren und das Felsklettern hintenanzustellen. Zwei halbe Sachen wollte ich nicht machen – und da meine eigentliche Leidenschaft schon immer draußen am Fels lag, ist mir die Entscheidung leichtgefallen. Was ich am Felsklettern so liebe? Das Draußensein in den Bergen, die Natur und die Abenteuer, die man mit seinem Kletterpartner*innen erlebt. Es sind Momente, die einem lange in Erinnerung bleiben.
Infobox: Was ist eigentlich Trad- und Alpinklettern?
Anders als beim klassischen Sportklettern sind die Routen dort oft nicht vollständig abgesichert. Sicherungen müssen selbst gelegt und Entscheidungen eigenständig getroffen werden. Viele Kletter:innen starten mit Sportklettern und wechseln später teilweise zum Trad, weil dort das Abenteuer, die mentale Komponente und das Unterwegssein stärker im Fokus stehen.
L Beim Trad- und Mehrseillängenklettern kommt für mich noch etwas Besonderes dazu: Es ist mental extrem anspruchsvoll. Wenn man in eine hohe Wand einsteigt, weiß man oft nicht genau, was einen erwartet. Man muss mobilen Sicherungsmitteln vertrauen, äußere Faktoren wie das Wetter im Blick haben, die eigene Komfortzone verlassen – und man kommt nur oben an, wenn man im Team wirklich gut funktioniert und sich gegenseitig unterstützt.

Eine neue Generation von Outdoorsportlerinnen
Was für Außenstehende extrem wirkt, beschreibt Lara in Interviews erstaunlich ruhig. Es wirkt, als suche sie durch sportliche Herausforderungen und neue, immer schwerere Routen keinen Adrenalinkick, sondern einen bewussten Prozess. Frauen wie sie sind die neuen Protagonistinnen, die mit absoluter Selbstverständlichkeit und ohne mit der Wimper zu zucken alte Rollenbilder challengen, neue Maßstäbe setzen und dabei einfach noch verdammt entspannt, bodenständig und cool sind.
Lara, wie wirst du als extrem erfahrene, aber immer noch sehr junge Frau in der Szene wahrgenommen und wie hast du gelernt, deinen Platz darin zu finden? Wie steht es deiner Meinung nach um die Sichtbarkeit von Frauen im Klettersport, aber auch im Outdoorsport allgemein? Stößt du immer mal wieder auf veraltete Rollenbilder oder Klischees und wenn ja, wie gehst du damit um?
L Ich habe meinen Platz in der Szene vor allem dadurch gefunden, dass ich einfach das gemacht habe, was mir wichtig ist – ohne zu viel darüber nachzudenken. Klettern und die Berge waren von Klein auf ein wichtiger Teil meines Lebens und ich mache das auch heute in erster Linie für mich selbst, weil ich Spaß daran habe – Profikletterin zu werden war nie mein Ziel. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass ich von Anfang an unglaublich viel Unterstützung von meiner Familie und der Klettercommunity aus dem Allgäu hatte. Im Vordergrund standen da immer der Spaß und die gemeinsame Zeit am Fels. Nach dem Abi habe ich dann jemanden kennengelernt, der meinen Kletterkarriere stark geprägt hat: Babsi Zangerl. Sie ist heute nicht nur eine gute Freundin, sondern auch Vorbild und Mentorin für mich. Was mich an ihr besonders beeindruckt, ist diese Mischung aus Weltklasse und Bodenständigkeit. Sie hat mir gezeigt, dass das Wichtigste immer die Freude am Klettern selbst bleiben sollte. Wenn ich heute zurückblicke, hatte ich einfach immer die richtigen Menschen um mich herum. Dafür bin ich unglaublich dankbar.


Laras Sponsor, die kanadische Outdoormarke Arc’teryx, hat seinen Ursprung im Kletterbereich und entwickelt seit Gründung 1989 Klettergurte und technische Outdoorbekleidung für Bergsportler:innen.
L Was die Sichtbarkeit von Frauen angeht: Es hat sich in den letzten Jahren wirklich viel getan. Es gibt heute so viele starke Frauen, die die schwersten Routen der Welt klettern und Klettergeschichte schreiben. Was ich besonders schön finde: Es geht mittlerweile nicht mehr nur darum zu zeigen, dass Frauen das auch können. Es wird zunehmend selbstverständlich, dass Frauen ganz vorne mit dabei sind, sei es im Bouldern, Sportklettern, im Trad, an Bigwalls oder im alpinen Bereich. Und ja, ab und zu begegnen mir veraltete Klischees schon noch. Aber ehrlich gesagt verschwende ich dafür nicht viel Energie. Die Kletterszene hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und ich persönlich erlebe sie überwiegend als sehr unterstützend.
Vorbilder, Freundinnen, Frauen
2025 ist Lara die legendären Alpinrouten „Silbergeier“ im Rätikon und „End of Silence“ in den Berchtesgadener Alpen geklettert – zwei der schwersten Mehrseillängenrouten der Alpen. Sie sind Teil der „Alpinen Trilogie“, einer ikonischen Trilogie extrem schwerer Mehrseillängenrouten, die bisher nur von einer Frau geklettert wurden: Babsi Zangerl, mit der Lara 2023 als erste reine Frauenseilschaft „El Corazon“ am El Capitan im Yosemite Nationalpark (USA) beging. Sechs Tage waren die beiden Frauen in der Wand und meisterten diese enorm anspruchsvolle Route – auch mental stieß Lara hier an Grenzen und empfand etwas, dass sie eigentlich kaum kennt: Angst.
Lara, wie wichtig sind weibliche Vorbilder im Outdoorsport? Wie war die Zeit am „El Corazon“ mit Babsi und wie unterstützt sie dich, es auch selbst mit der „Alpinen Trilogie“ aufzunehmen?
L Weibliche Vorbilder sind unglaublich wichtig. Wenn eine Frau etwas Außergewöhnliches macht, ist das wahnsinnig motivierend und inspirierend – und gibt jungen Menschen den Mut und das Vertrauen, sich selbst an herausfordernde Projekte zu trauen. Babsi ist für mich so ein Vorbild und gleichzeitig eine gute Freundin. Sie ist mit Abstand eine der besten Frauen im Bereich Trad, Bigwall und Mehrseillängenklettern weltweit. Ich habe lange dazu geneigt, mir Projekte rauszusuchen, bei denen ich dachte, ich kann sie relativ schnell schaffen. Sie hat mir gezeigt, dass man sich auch an Routen wagen kann, die sich im ersten Moment unmöglich anfühlen. Ich denke, im Klettern können Frauen genauso viel erreichen wie Männer, manchmal sogar mehr. Rein biologisch haben wir vielleicht weniger Rohkraft, aber beim Klettern spielen viele andere Faktoren, wie Technik, Taktik, Beweglichkeit und vor allem der Kopf eine riesige Rolle. Und ich denke da sind wir Frauen den Männern manchmal sogar überlegen.

L El Corazon mit Babsi zu Klettern und von ihrer Bigwall-Erfahrung zu lernen war eine große Ehre. Sechs Tage auf engstem Raum, viele neue Situationen bei denen man aus der Komfortzone heraus muss – das funktioniert nur, wenn man ein gutes Team ist und sich zu 100% vertraut. Es gab eine Situation nachts in einem Kamin, als ich vorgestiegen bin und wirklich Angst hatte. Ich bin vorher noch nie Kamine geklettert und konnte für etwa zehn Meter keine Absicherung legen. Da musste ich dann aber selbst durch: Atmung kontrollieren, negative in positive Gedanken umwandeln. In solchen Momenten ist die Unterstützung im Team zwar super wichtig, aber am Ende muss man es alleine lösen.
Infobox: Alpine Trilogy
Die „Alpine Trilogy“ gilt als eines der härtesten Alpin-Kletterprojekte der Alpen. Die Trilogie verbindet drei extrem anspruchsvolle Mehrseillängenrouten: „End of Silence“ in Deutschland, „Des Kaisers neue Kleider“ in Österreich und „Silbergeier“ in der Schweiz. Alle drei Routen verlangen höchste mentale Stärke und herausragende Klettertechnik. Bislang wurde die Alpine Trilogy unter Frauen nur von Babsi Zangerl erfolgreich geklettert.
L Die Idee, die Alpine Trilogie anzugehen, hatte ich schon länger. Drei der anspruchsvollsten Routen, echte Testpieces in der Kletterszene, und alle rund drei bis vier Stunden vom Allgäu entfernt. Ich fand es eine coole Gelegenheit, ein für mich extrem herausforderndes Projekt mit dem Erkunden der besten Alpinklettergebiete vor meiner Haustür zu verbinden. Babsi hat die Trilogie als erste Frau vor etwa zehn Jahren geklettert und seitdem hat sich keine Frau mehr daran gewagt. Ich hab natürlich mit ihr über die Idee und das Projekt gesprochen und sie hat mir von ihren Erinnerungen erzählt und mir Tipps gegeben.
*Nachtrag der Redaktion
Am 4. Juni 2026 komplettierte Lara mit der erfolgreichen Rotpunktbegehung von „Des Kaisers Neue Kleider“ (8b+) an der Fleischbank im Wilden Kaiser die Alpine Trilogy – als zweite Frau der Geschichte. Wir gratulieren von Herzen!

Das Wichtigste für mich ist, mit Menschen zu klettern, denen ich vertraue und die eine ähnliche und ehrliche Kletterethik haben.
Lara
Senkrecht zur Freiheit
Gerade im Tradklettern und Alpinklettern, wo Erfahrung, Risikoeinschätzung und mentale Ruhe entscheidend sind, werden Frauen noch häufig unterschätzt. Lara erinnert daran, dass wahres Selbstvertrauen Schritt für Schritt entsteht – durch Erfahrung, durch Scheitern und durch das Bewältigen von Situationen, die einem alles abverlangen. Laras Superpower: Nicht möglichst extrem zu sein – sondern mit ruhiger Selbstverständlichkeit Räume zu öffnen, in denen sich andere Frauen plötzlich ebenfalls sehen können.
Lara, wie fühlt sich die Fähigkeit und Verantwortung an, in einer Wand komplett auf dich selbst vertrauen zu müssen und zu können? Ist das Freiheit? Und was würdest du Frauen mitgeben, um ihren eigenen Weg zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit zu finden?
L Für mich geht es bei meinen Abenteuern und Projekten in erster Linie darum, Spaß zu haben und unvergessliche Momente zu erleben. Und das funktioniert nur, wenn alles passt – vor allem das Team. Entscheidungen trifft man gemeinsam und oben kommt man nur an, wenn man sich gegenseitig unterstützt. Genauso wichtig ist aber auch das Vertrauen in sich selbst – und das kommt mit der Zeit und der Erfahrung. Je öfter man aus der Komfortzone heraus muss, desto besser lernt man sich selbst kennen, kann Situationen besser einschätzen und Entscheidungen leichter treffen. Eine Sache, die dabei oft unterschätzt wird, ist die Vorbereitung. Jeder kennt seine eigenen Grenzen am besten und sich als Team gemeinsam in Sachen Routenplanung und Logistik vorzubereiten, die Grenzen des anderen zu kennen und zu respektieren ist für mich die Grundlage.

L Was ich Frauen mitgeben würde? Habt Träume. Traut euch auch an Projekte heran, die sich zu groß anfühlen. Und sucht euch Menschen, die euch unterstützen und ehrlich mit euch sind.
An welches große Projekt traut ihr euch gerade heran? Schreibt es in die Kommentare!