
Community Story
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Mut zum Aufbruch – und wieder Ankommen
Wenn die Sehnsucht größer wird als die Angst, entsteht Mut. Mein Mann und ich starteten 2022 unser Overlanding-Abenteuer – fast eineinhalb Jahre genossen wir Vanlife voller Freiheit und Selbstbestimmung und begegneten unzähligen unerwarteten Herausforderungen. Doch nach allem, was wir gemeinsam in der Ferne gemeistert hatten, wurde ausgerechnet das Heimkommen zu einer meiner größten Herausforderungen.

Sehnsucht braucht Zeit zum Wachsen
Unser Wunsch nach einer Langzeitreise war viele Jahre eine leise Tagträumerei. Wir sprachen darüber, lasen Reiseromane und verfolgten Geschichten von Reisenden. So wuchs aus einem Gedanken eine Sehnsucht: Wir wollten mehr, als nur für ein paar Wochen im Jahr als Urlauber an der Oberfläche von Kulturen, Ländern und Menschen zu kratzen. 2018 diskutierten wir zum erst Mal ernsthaft über unsere Möglichkeiten, unseren Traum zu realisieren. Von da an blieb die Idee nicht mehr im Hintergrund: Sie wurde lauter, hartnäckiger und begleitete uns dreieinhalb Jahre, bis wir den Mut zum Aufbruch fanden.

Wenn die Sehnsucht größer wird als die Angst, entsteht Mut.
Jenni
Dem eigenen Kompass folgen
Wir wollten reisen – ohne festes Rückreisedatum und selbstbestimmt die schönsten Orte auf dem Landweg nach Südostasien erkunden. Unzählige Abende starrten wir auf die Weltkarte, die wir an unsere Wohnzimmerwand gepinnt hatten. Wir entwickelten immer neue Routen, die sich jedoch oft als Wunschvorstellungen entpuppten, sobald wir politische Lagen, Einreisebestimmungen und Kosten berücksichtigten. Für unser Overlanding-Abenteuer wollten wir maximale Freiheit und Selbstbestimmtheit, aber auch einen gewissen Komfort: einen Ort, der unser Zuhause in der Fremde sein würde. Anfang 2020 besichtigten wir ziemlich unvorbereitet das erste Fahrzeug und wurden prompt stolze Besitzer eines 30 Jahre alten Mitsubishi L300. Die Coladose, wie wir ihn getauft hatten, sollte sich aber noch als Montagsfahrzeug entpuppen. Gleichzeitig blieb da die Angst vor den Unsicherheiten, die sich nicht planen ließen. Finanzielle Fragen, die mit der Kündigung unserer Jobs einhergingen. Zu Beginn wurden wir mit unserem Plan in unserem Umfeld oft nicht ernst genommen. Auf unserem Weg war es ausschlaggebend, nicht auf jene Stimmen voller Sorgen und Bedenken zu hören.



Zwangspause und neue Wege
Dann kam Corona: Die Welt schien stillzustehen, die Pandemie legte unsere Reisepläne zwangsläufig erst einmal auf Eis. Es kamen weitere Ängste hinzu. Aber wir nutzten die Zeit für unsere Vorbereitungen, planten, organisierten und stockten unsere Reisekasse weiter auf. Einen Sommer lang bauten wir unseren Van zu unserem rollenden Zuhause um. Wir unternahmen einen ersten Wochenendtrip und fanden glücklicherweise sofort Gefallen am Vanlife, das wir zuvor noch nie ausprobiert hatten. Dann, ganz langsam, fand die Welt zu einer gewohnten Normalität zurück und unser Vorhaben nahm wieder Fahrt auf. Wir passten unsere Reiseroute an die Regularien der einzelnen Länder an. Da noch nicht alle Grenzen für Reisende geöffnet waren, betrachteten wir die geplante Route nur noch als grobe Richtung und wollten sie unterwegs flexibel anpassen – eine kluge Entscheidung, denn politische Lagen und neue Bestimmungen zwangen uns unterwegs mehrmals dazu, andere Wege einzuschlagen.
Nur ein endloser Urlaub?
Die ersten Wochen unserer Reise fühlten sich wie ein endloser Urlaub an. Wir schliefen aus, gestalteten unsere Tage so, wie uns der Sinn danach stand, parkten unseren Van an den schönsten Orten und schliefen unter dem Sternenhimmel ein. Schnell entwickelten wir Routinen und folgten zügig unserer Reiseroute auf dem Landweg nach Südosten. Mit dem raschen Fortschritt unserer Reise wurden die Tage sommerlicher und wir tauschten bald Daunenjacken gegen T-Shirt und Shorts.
Die Türkei stellte den Wendepunkt unserer Overland-Reise dar. Vier Wochen genossen wir das Flair von Istanbul, bestaunten die alten Steine von Ephesus und standen im Morgengrauen auf, um das Heißluftballonspektakel in Kappadokien zu erleben. Nur noch 500 Kilometer trennten uns von der Grenze nach Georgien. An der Ortseinfahrt eines winzigen Dorfes in der Osttürkei gab unser Van den Geist auf. Mit Fahrzeugpannen hatten wir gerechnet, aber nicht damit, dass aus wenigen Tagen vier Wochen werden würden. Und erneut verfolgten uns Ängste, ob und wann wir mit unserem Van weiterziehen könnten. Rückblickend betrachtet war diese Zeit eine der wertvollsten Erfahrungen auf unserer Reise. Wir erlebten bedingungslose Gastfreundschaft und tauchten tief in die Kultur ein. Aber vor allem lernten wir, Situationen so anzunehmen wie sie sind und das Beste daraus zu machen.

Realität einer Langzeitreise
Wir waren erst wenige Tage in Georgien, als wir mit den nächsten Herausforderungen konfrontiert wurden. Viele unserer geplanten Ziele lagen auf über 2.000 Metern Höhe und der Winter rückte näher. Wir besorgten dicke Bettdecken, importierten eine Standheizung aus Europa und bauten sie vor Ort in unseren Van ein. Gleichzeitig zwangen uns die Konflikte in Armenien und im Iran erneut dazu, unsere Reiseroute zu überdenken. Wir genossen die letzten Herbsttage im Kaukasus, erkundeten abgelegene Nationalparks und ließen uns durch Tiflis treiben. In Ushguli, dem höchstgelegnen dauerhaft bewohnten Dorf Europas, auf 2.200 Metern Höhe erwarteten uns bereits gepuderte Bergspitzen.




Die Sonnentage wurden häufiger durch Regentage abgelöst und so wir machten wir uns, immer noch planlos, auf den Weg zurück in die Türkei und verbrachten sonnige und trockene Wintertage an der türkischen Riviera, bis sich eine neue Möglichkeit eröffnete: mit einer Fähre von Mersin in der Türkei nach Haifa in Israel überzusetzen.

Auf unserem Weg war es ausschlaggebend, nicht auf jene Stimmen voller Sorgen und Bedenken zu hören.
Jenni
Mut zur Heimkehr
Nach einer mehrtägigen Überfahrt, die aufgrund heftiger Unwetter beinahe einer Nahtoderfahrung glich, erreichten wir Israel. Wir reisten fünf Wochen durch Israel, verbrachten drei Wochen in Jordanien und sieben in Saudi-Arabien – jedes Land war wie eine eigene Welt. Unsere Reiseroute sollte uns bis in den Oman führen. Doch irgendwo auf dem Weg dorthin war uns ein Teil unserer Freiheit und Selbstbestimmtheit abhanden gekommen. Äußere Rahmenbedingungen bestimmten zunehmend unseren Reisealltag. Die täglichen Distanzen wurden immer länger und wir verbrachten den Großteil des Tages mit Fahren. Trotzdem hakten wir weiter die Highlights entlang unserer Reiseroute ab. Bis wir schließlich die innere Angst, versagt zu haben, weil wir keines unserer selbst gewählten Endziele erreicht hatten, überwanden und den Mut fanden, auszusprechen, dass wir nach Hause wollten.

Drei Tipps für mehr Mut zum Aufbruch
- Nimm deine Sehnsucht ernst
Sprich über deinen Traum, informiere dich und mache ihn Schritt für Schritt konkreter. - Warte nicht, bis die Angst verschwunden ist.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotzdem loszugehen. - Bleib flexibel.
Nicht jeder Plan funktioniert. Umwege, Veränderungen und neue Entscheidungen gehören zu jeder Reise.

Über Kuwait und den Irak kehrten wir in die Türkei zurück. Dort fanden wir die Selbstbestimmtheit wieder, die uns zuletzt gefehlt hatte: keine langen Etappen, kein Highlight-Hopping bei 42°C. Als wir Bulgarien erreichten, wussten wir, dass unsere geografische Reise hier zu Ende war. Wir hatten so viel erlebt, waren an fremdartigen Orten gewesen und hatten uns so frei wie noch nie gefühlt, dass sich die Vertrautheit Europas nicht mehr nach reisen anfühlte. Nach 16 Monaten überquerten wir die deutsche Grenze. Doch das Heimkommen war nur der Beginn einer neuen inneren Reise und die Rückkehr wurde zu einer eigenen Herausforderung.
Heimkommen bedeutet nicht das Ende der inneren Reise
Unsere Langzeitreise war vorbei. Wir hatten zahlreiche Herausforderungen gemeistert, Landesgrenzen überquert, Fahrzeugprobleme gelöst, unsere Reiseroute immer wieder angepasst und waren daran gewachsen. Die Reise war geografisch vorbei, doch in mir ging sie weiter. Während des Overlandings hatten wir jeden Tag neu entschieden, wie wir den Tag gestalten wollten und wo wir abends schlafen würden. Diese Freiheit und Selbstbestimmtheit, die sich zuletzt wie eine Belastung angefühlt hatten, vermisste ich bereits nach wenigen Tagen. Gleichzeitig fragte ich mich, wie mein Leben nun aussehen sollte. Dauerhaft unterwegs sein wollten wir nicht, aber auch nicht mehr in ein starres Lebensmodell zurückkehren. Für mich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen. Einige Monate später begann ich wieder einen vermeintlich sicheren 9-to-5-Job. Doch nach zwei Jahren war meine Sehnsucht nach einem selbstbestimmteren Leben und Arbeiten erneut fast körperlich spürbar. Die Rückkehr nach der Langzeitreise hatte mir gezeigt, dass Veränderung Zeit braucht. Heute kenne ich meine Richtung, auch wenn mich Ängste begleiten. Diesmal bedeutet Mut nicht, in ein anderes Land aufzubrechen, sondern ein Leben zu gestalten, das sich wirklich nach mir anfühlt.

Diesmal bedeutet Mut nicht, in ein anderes Land aufzubrechen, sondern ein Leben zu gestalten, das sich wirklich nach mir anfühlt.
Jenni
Was sind eure Tipps für mehr Mut zum Aufbruch? Welche Erfahrungen habt ihr mit der Heimkehr gemacht? Schreibt es in die Kommentare!