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Wandern in Armenien – unterwegs im wilden Land am Kaukasus


Rebecca Maria SalentinText & Fotos

Armenien – klein, relativ unbekannt und voller Geheimnisse. Zwischen schroffen Gipfeln, tiefen Schluchten und alten Bergklostern entfaltet sich ein Land, das Wandernde sofort in seinen Bann zieht. Wer hier unterwegs ist, stolpert über in Stein gemeißelte Geschichte und von malerischen Almwiesen zu rauen Canyons. Was das Wandern in Armenien aber so besonders macht, sind die artenreiche Tierwelt, herzliche Begegnungen am Wegesrand und eine Gastfreundschaft, die unvergessen bleibt.

Mehr als 180 Medienschaffende hatten sich beim NABU für eine Gruppenreise nach Armenien beworben. Reiseautorin Rebecca Maria Salentin wurde ausgewählt, Partnerprojekte und Schutzgebiete des Naturschutzbundes zu besuchen. Zwei Wochen wandert sie in den Bergen und Schluchten des Kaukasus, begleitet Ranger, wertet Fotofallen aus und beobachtet Braunbären. Und taucht ganz nebenbei in die Kultur des kleinen Landes mit der bewegten Vergangenheit ein.

Wildlife, Wandern, Welterbe Armeniens Naturwunder und Kulturschätze

Schon am ersten Tag lerne ich: Armenien ist zwar nur so groß wie Brandenburg, birgt auf dieser Fläche aber gleich mehrere Superlative! An einem Hang wächst der größte Eibenhain des Kaukasus mit bis zu tausend Jahre alten Bäumen, in Areni findet sich eines der weltweit ältesten Weinbaugebiete und die kreisförmig angeordneten Steinkegel des Gräberfelds Zorakarer dienten wohl schon in der Bronzezeit zur Himmelsobservation. Die Pendelbahn Wings of Tatev schwebt auf knapp sechs Kilometern über die 500 m tiefe Vorotan-Schlucht – auf direktem Kurs ins Guinnessbuch der Rekorde. Tausendjährige Klöster und Kirchen zeugen von Armeniens Status als ältestem christlichem Land, ja selbst das hauchdünne Fladenbrot Lavash und die armenische Schreibkunst gehören zum immateriellen UNESCO Welterbe. In einer Höhle fand man den ältesten Lederschuh der Welt, knackige 5.500 Jahre alt. Von einer alten Karawanserei inmitten wüstenähnlicher Vegetation über ein fruchtbares Hochplateau zu einem schneebedeckten Gipfel ist es hier nur ein Katzensprung. Es gibt sogar einen herzförmigen Geysir! Die Dichte an historischen Stätten, Kulturgütern und Naturwundern ist so hoch, dass man aus dem Staunen nicht mehr rauskommt. Will sagen: Brandenburg, da geht noch was!

Die Tour: „Natur, Kultur und Genuss in Armenien“
Die zweiwöchige Reise mit dem Kaukasusprogramm des NABU wird als kleine, geführte Gruppenreise mit maximal 12 Personen mehrmals jährlich angeboten. Ziel der Rundreise sind Erlebnisse abseits der Touristenpfade in Begleitung eines lokalen Guides, um Land und Leute wirklich kennenzulernen. Zusätzlich zur Kulturhistorie erkundet man die Naturvielfalt Armeniens bei ausgiebigen Wanderungen, besucht Partnerprojekte und familiengeführte Gästehäuser.

Weitere Infos, Termine und Preise: www.greentourism.am/tour/armenian_adventure
Buchbar ist die Reise über: Schulz Aktiv Reisen Dresden www.schulz-aktiv-reisen.de

Follow along: @nabu | @nabu_armenia | @fpan_armenia

Der Kaukasus am Horizont

Kaum aus der Hauptstadt Jerewan raus, stehe ich schon in einer Schlucht aus steil aufragenden Basaltsäulen, über dem Felsenmeer thront ein Säulen-Tempel aus griechisch-römischer Zeit. Von dort ist es nicht weit zu einem Bergkloster – Überhaupt, diese Bergklöster! Sie prägen Armeniens Landschaftsbild, mit dem sie zugleich verschmelzen, weil sie meist aus dem natürlichen Gestein der Umgebung gebaut wurden. In den Dörfern brüten Störche auf Strommasten, in den Gärten trocknet zu Pyramiden gestapelter Kuhdung, berittene Hirten ziehen mit ihren Herden über die sanft geschwungenen Hügelketten in ihre Sommersiedlungen. Dahinter zeichnet sich die Linie gewaltiger Bergmassive des Kaukasus am Horizont ab.

Wandern in Armenien Wilde Schluchten, weite Steppen

Was sofort auffällt: Es gibt kaum Bäume. Arman, Guide, Fahrer und wandelndes Lexikon in Personalunion, klärt mich auf: „Nicht einmal zehn Prozent der Landesfläche sind bewaldet.“ Es dominieren Grassteppe und niedrig gewachsene Wacholdersträucher. Aber der karge Anblick täuscht: Die Wiesen beherbergen komplexe Ökosysteme. Zwischen den Grashalmen tummeln sich Vögel und Insekten, blühen Wildblumen, darunter Tulpen und Orchideen. Arman weist mich auf die Menschen mit Umhängetaschen hin: „Du glaubst gar nicht, was die alles sammeln!“ An Straßenständen wird die Ausbeute verkauft: Tellergroße Pilze, wilder Spargel und bündelweise Kräuter. Außerdem werden Honig, Nüsse und Trockenobst feilgeboten. Ebenfalls im Angebot: Eingelegtes Obst und Gemüse, Wodka und Wein, alles in PET-Flaschen, auf denen oft noch das Cola-Etikett klebt. Ich kaufe armenisches Snickers: Walnüsse in einer schokoladig anmutenden Masse, bei der es sich jedoch um eingekochten Granatapfelsirup handelt. Der Straßenhändler spricht fließend Deutsch: „Weil ich zu Sowjetzeiten in Dresden stationiert war!“

Der deutsche Naturschutzbund NABU unterstützt weltweit Schutzgebiete, Nationalparks und familiengeführte Betriebe als Partnerprojekte.

Nächster Stopp: Ein Weingut, dessen Reben sich am Fuße des Klosters Khor Virap erstrecken. Hier wurde im 3. Jahrhundert in einer Höhle Gregor der Erleuchter gefangen gehalten, Begründer der armenischen Kirche. Hinter dem Kloster erhebt sich die majestätische Silhouette des Ararat: ein 5.137 m hoher Vulkankegel mit weißem Gipfel, an dem angeblich einst die Arche Noah strandete. Obwohl der Berg seit dem mit dem Genozid verbundenen Landverlust auf türkischem Gebiet liegt, bleibt er armenisches Nationalsymbol.

Mehr als Tourismus mit armenischen Partnerprojekten für aktiven Umweltschutz

Am Weinkeller prangt das blaue Logo des NABU, unter dessen Schirmherrschaft die zweiwöchige Rundreise stattfindet. Seit 2001 unterstützt der NABU diverse Partnerprojekte in Armenien, seit 2009 gibt es eine Landesfiliale. Die Schwerpunkte: Naturschutz, Umweltbildung, nachhaltige Entwicklung und Stärkung der Zivilgesellschaft. Unterstützt werden kleine familiengeführte Betriebe wie Obstplantagen oder eine historische Mühle mit Gästehaus. Und natürlich Projekte zum Erhalt von Flora und Fauna: Dreizehn Prozent der Landesfläche stehen unter Schutz, es gibt vier Nationalparks und drei Totalschutzgebiete, weitere sind in Planung. Gemäß seiner ursprünglichen Gründung als Vogelschutzbund kümmert sich der NABU auch um die Brutgebiete der vier heimischen Geier-Arten und des seltenen Steinadlers. Die Idee der geführten Kleingruppenreise: Zusätzlich zur Kulturhistorie die Naturvielfalt des Landes entdecken – zum Beispiel, indem man die örtlichen Ranger bei ihrer Arbeit begleitet.

Armenische Gastfreundschaft zwischen Leoparden und Bären

In einem uralten sowjetischen Geländewagen knattern wir durch die Berge. Der Auspuff stottert, die Gangschaltung kracht, die Kabel liegen offen, es geht nur im Schritttempo voran. Die Piste ist so tief zerfurcht, dass sich der zerbeulte Wagen zuweilen gefährlich schwankend zur Seite neigt und ich uns schon den Hang hinunter purzeln sehe. Die Station ist eine einfache Hütte mit Veranda, Bollerofen, Tisch, Stuhl und Liege. Ein paar Meter weiter ein Plumpsklo ohne Tür. Eine weise Entscheidung: Vor dem Häusl erstreckt sich das Panorama eines rot zerfurchten Canyons mit dem Kloster Noravank. Über dem Abgrund kreisen Mönchsgeier, an den Felswänden kraxeln Bezoarböcke. Über eine steil abfallende Wiese steigen wir hinab zur Wildtierkamera. Diesmal hat die Fotofalle nur die hier stark vertretenen Wildziegen festgehalten, aber neben Luchsen, Stachelschweinen und Bären verirrten sich auch schon Leoparden vor die Linse. Die Population ist klein, zwölf Exemplare leben in Armenien. „Aber einmal konnte ich ein Männchen sogar tagsüber filmen“, berichtet der Ranger und zückt sein Handy, um mir das verwackelte, aber beeindruckende Video zu zeigen.

Willkommen im Restaurant Ranger

Als es zu regnen beginnt, wird flugs der Grill angeworfen. Es prasselt aufs Wellblechdach, Schaschlik-Spieße, Auberginen, Tomaten und Peperoni zischen über dem Rauch. „Welcome to Restaurant Ranger!“, ruft der Mann lachend und sammelt kurzerhand noch eine Handvoll Pilze, die ebenfalls auf dem Rost landen. Dabei biegt sich der rustikale Holztisch schon unter den aufgetragenen Beilagen: Auberginenpüree, Fladenbrot, Salate, Käse, eingelegtes Gemüse und frische Kräuter wie Koriander, Dill, Petersilie und lila Basilikum. Es gibt Wein und Kompott: Verdünnter Saft von eingemachtem Obst, meist aus Mirabellen oder Kornelkirschen. Überhaupt ist die armenische Gastfreundschaft so groß, dass ich oft nicht weiß, wie ich nach all den Gaumenfreuden noch wandern soll.

Wandern in Armenien – der Transcaucasian Trail
Übrigens: Komplett autark und ursprünglich erlebt man Armenien auf dem Transcaucasian Trail! Von der georgischen Schwarzmeerküste wandert man auf 1.750 Kilometern durch abgelegene Berge und Täler des Kaukasus bis zur armenisch-iranischen Grenze. Es gibt eine Online-Karte, in der alle wichtigen Punkte wie Quellen, Einkaufsmöglichkeiten, Unterkünfte, Wegalternativen und Gefahrenstellen verzeichnet sind.
Weitere Infos: www.transcaucasiantrail.org
Instagram: @transcaucasiantrail

Armeniens Wildtier-Paradies nicht nur für Ornitholog:innen

Sobald sich die Sonne raustraut, tauschen wir Regenjacken gegen Wanderschuhe. Die Schlucht entpuppt sich als reichhaltiges Biotop: Wilde Mandeln und Pistazien säumen den Weg, der Duft von Thymian und Minze erfüllt die Luft. Mit Ornamenten verzierte Grabsteine im hohen Gras zeugen von einer alten Siedlung, Eidechsen huschen über das rote Gestein. Zwei Königshühner flattern hektisch davon. „Dafür liegt manch Ornithologe tagelang auf der Lauer!“, lacht Arman. Kurz darauf bin ich diejenige, die aufschrickt: „Eine Schlange!“, das gelbe Reptil kriecht eilig von dannen. „Das war ein Scheltopusik!“, ruft Arman schmunzelnd und erklärt, dass es sich dabei um eine Echse handelt. Das Nachtquartier ist eine Unterkunft aus recycelten Schiffscontainern, ebenfalls ein NABU-Partnerprojekt. Vor der Hütte hat sich eine Gruppe deutscher Ornithologen mit Ferngläsern und Spektiven in Stellung gebracht und observiert den gegenüberliegenden Hang. Es dauert keine fünf Minuten, da haben sie ihn erspäht – den ersten Braunbären. Tatsächlich sind es sogar drei: Eine Mutter mit zwei Jungtieren. Auch ich darf durchs Fernrohr schauen: Die Bärin fläzt auf einem Felsbrocken, während die Jungen umhertollen und in einen Baum klettern. „Arman, there are bears!“, rufe ich vor lauter Aufregung auf Englisch, obwohl der Guide deutsch spricht.

Tausendsassa-Land Armenien

Die Reise geht viel zu schnell vorbei. Am letzten Abend stehen wir an einem Lostplace: Längst hat die Natur sich die riesigen Messgeräte und Forschungsgebäude einer Wetterstation aus Sowjetzeiten zurückerobert. „Was hat Armenien denn noch alles zu bieten?!“, rufe ich ehrfürchtig. Das Programm war dicht gefüllt, ein Highlight jagte das nächste. Ich habe ein Höhlendorf besucht, das nur über eine schmale Hängebrücke erreichbar ist, bin auf alten Karawanenrouten der Seidenstraße gewandert und zu einem Kratersee aufgestiegen, ich habe saftige Almwiesen mit ihrem Blütenmeer aus Hyazinthen, Anemonen, Pulsatilla und Enzian durchstreift. Wir haben die Möwenkolonie am Sewansee observiert, sind durch Schneefelder gestapft und zu den Ruinen verlassener Dörfer gewandert. Und jetzt schaue ich vom Rand einer riesigen Teleskopschüssel auf den Ararat. Nur der weiß gezuckerte Gipfel ragt aus dem Wolkenmeer und es ist, als ob der symbolträchtige Berg über dem Himmel schwebt. Wie kann man sein Herz nicht an dieses Tausendsassa-Land verlieren?

Rebecca Maria Salentin hat mehrere Romane und Sachbücher veröffentlicht, darunter die Bestseller „Klub Drushba“ über ihre 2.700-Kilometer-Wanderung von Eisenach bis Budapest und „Iron Woman“ über ihre 10.000-Kilometer-Radtour am Eisernen Vorhang.
Weitere Infos: www.rebecca-salentin.de
Instagram: @rebeccamariasalentin

Seid ihr schon mal in Armenien gewesen oder mit NABU gereist? Schreibt es in die Kommentare und teilt eure Erfahrungen!

Über die Autor:in

Rebecca Maria Salentin

Rebecca Maria Salentin hat mehrere Romane und Sachbücher veröffentlicht, darunter die Bestseller „Klub Drushba“ über ihre 2.700-Kilometer-Wanderung von Eisenach bis Budapest und „Iron Woman“ über ihre 10.000-Kilometer-Radtour am Eisernen Vorhang.

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