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Eibsee abseits des Trubels – die bayrische Karibik zwischen Abenteuer und Stille


Nina HolleText / Fotos

Ein Tag am Eibsee. Zwischen Dämmerung, Natur und goldenem Licht lädt ein sonst so touristischer Ort zu Abenteuer und Erholung ein.
Nina nimmt uns mit auf eine Entdeckungstour abseits der Touristenmassen. Im Herzen Bayerns wartet mit der Eibsee Wanderung im Herbst ein Tag voller Erholung, Naturgenuss und unvergesslichen Fotomotiven auf euch – ideal für alle, die den See authentisch erleben möchten, ohne den Trubel der Sommermonate.

Rundwanderweg ›
Eibsee

Dauer02:00 h Strecke7,5 km AnreiseGarmisch – Eibsee, Bus Linie 9840 über Grainau + Bayerische Zugspitzbahn: eine der letzten Zahnradbahnen Deutschlands Übernachtenz.B. Camping Erlebnis Zugspitze (Grainau) – ganzjährig oder via park4night: Stellplätze in der Nähe (auf dem Parkplatz direkt am See darf man nicht übernachten) Routen
Eibsee einfache Rundtour
Eibsee erweiterte Rundtour Eibsee erweiterte Rundtour

Abenteuer Eibsee Wanderung im Herbst
Frühstart in der Dämmerung

Adventure is a state of mind

Vor mir liegt der Anfang des Wanderwegs. Es ist 6.30 Uhr, Beginn der Dämmerung am Eibsee. Es fühlt sich an, als wäre es noch mitten in der Nacht — so dunkel und kalt ist es. Nur das fahle Licht der Straßenlaternen scheint vom Parkplatz herüber. Der Weg vor mir verschwindet in einem schwarzen Tunnel zwischen schemenhaften Bäumen. Ich bleibe kurz stehen. Schlucke. Spüre, wie mein Puls sich beschleunigt. Aus meinen psychologischen Ausbildungen weiß ich, dass unser Nervensystem auf Dunkelheit mit einer Welle von Stresshormonen reagiert – ein uraltes Überbleibsel der Vorsicht, die uns einst das Leben rettete. 
Ich zögere immer noch. Frage mich, ob es wirklich eine gute Idee ist, allein in die Dunkelheit zu laufen. Aber ich kenne den Weg gut, bin ihn viele Male gegangen. Außerdem wird es bald heller sein. Ich erinnere mich an ein Zitat von Alastair Humphreys aus seinem Buch Microadventures

Adventure is a state of mind, a spirit of trying
something new and leaving your comfort zone.

Ja, raus aus der Komfortzone. Und so atme ich tief durch und gehe weiter. Ich spüre, wie sich meine Augen langsam an die Dunkelheit anpassen. Schon nach ein paar Minuten wird die Welt um mich herum heller, deutlicher, die Bäume und Felsbrocken am Wegesrand vertraute Marker.

Nur ich und die Natur

Der See, der vor etwa 10.000 Jahren am Ende der Würmeiszeit entstand und heute ein beliebtes Motiv auf Instagram ist, liegt noch hinter der Baumwand, aber ich rieche ihn schon – diese Mischung aus kaltem Wasser, feuchtem Stein und Nebel. Vereinzelt wachen ein paar Vögel auf, ich höre eine Amsel, ein Rotkehlchen. Sie sind meine Begleiter. Der Boden federt angenehm unter meinen Füßen. Ich spüre, wie ich ruhiger werde.
Dann öffnet sich der Wald. Vor mir liegt die kleine Brücke, an der sich im Sommer die Menschen drängen, um eines der bekanntesten Fotos vom Eibsee zu machen: das Eibseehotel, dahinter Berge, die Zugspitze, die Spiegelungen im türkis-klaren Wasser. Heute ist es ganz still hier. Nur ich und die Natur. 

Vom Rückzugsort zur Postkarte

Der Eibsee und das Hotel befinden sich mit Unterbrechung seit fast 140 Jahren im Privatbesitz einer Familie. Das Hotel wurde kurz nach 1900 erbaut – ein Relikt aus der Zeit der „Sommerfrischler“, als Städter:innen die Berge als Heilmittel für Körper und Geist entdeckten. Zwischen den Weltkriegen war es Treffpunkt von Politiker:innen, Künstler:innen und Wirtschaftsgrößen. Komponist Richard Strauss fand hier angeblich kreative Inspiration. Mit dem Krieg wurde es von den US-Streitkräften beschlagnahmt und diente danach lange Zeit als Erholungsgebiet für amerikanische Soldaten und deren Familien — bevor es 1978 wieder an die Familie Terne ging.

Ich gehe weiter. Der Himmel ist mittlerweile ein zartes Blau, und die ersten Sonnenstrahlen finden ihren Weg über den Kamm der Berge. Die Zugspitze trägt den ersten Schnee. Mein Atem bildet kleine Wolken in der kalten Luft. Die Luft ist so klar, dass ich die rot-weiße Stütze der neuen Zugspitzbahn deutlich erkennen kann – 127 Meter ragt sie in den Himmel, die höchste Stahlbaustütze der Welt. Die 2017 neugebaute Seilbahn hält noch zwei weitere Rekorde: den größten Höhenunterschied einer Sektion – fast 2.000 Meter – und das längste freie Spannfeld einer Pendelbahn. Ein wahres Wunder der Ingenieurskunst. In weniger als zehn Minuten gleitet die Kabine vom Eibsee bis in die dünne Luft der Zugspitze. So kommt es, dass viele Besucher:innen an vormittags im Schnee stehen und nachmittags im See baden – ein Tag zwischen zwei Klimazonen. Doch heute morgen ruht sie noch.

Stille Inselwelt 

An einem Herbstmorgen wie heute wird der Eibsee zu einem wirklichen Naturerlebnis. Wo sich sonst Autos auf der Straße und fotografierende Touristen am Ufer stauen, ist heute nur Ruhe.

Ich folge dem breiten Weg, der 7,5 km um den See führt. Ich gehe langsam, habe es heute nicht eilig. Das Sonnenlicht sucht sich mittlerweile seinen Weg durch die Kiefernzweige und fällt auf den See: glatt, klar und reglos. Es spiegelt die Berge in Perfektion. Ein Mann mit Kamera und Stativ steht versteckt in einer kleinen Bucht. Die Stille transportiert das Klicken seiner Kamera. Ich bin also doch nicht die Einzige hier.
Ein paar Minuten später sehe ich die Sassensinsel. Die acht Inseln im See – darunter Ludwigsinsel, Braxeninsel und Schönbichl – die gut mit SUP oder Kajak zu erreichen sind, sind die Trümmer eines gewaltigen Felssturzes vor rund 3 500 Jahren, der auch dem See seine heutige Gestalt gab. 350 Millionen Kubikmeter Gestein lösten sich damals von der Zugspitzflanke. Die Druckwelle war so stark, dass der Boden kilometerweit bebte. 
Ich bleibe stehen. Ich fühle mich so ruhig und klar wie schon lange nicht mehr und denke an die „Sommerfrischler“, die sich schon vor 100 Jahren hier erholt haben. Mittlerweile belegen sogar wissenschaftliche Studien, warum wir uns an Orten wie diesem so wohlfühlen: schon 10-20 Minuten in einer natürlichen Umgebung senken den Cortisolspiegel messbar. Ich spüre es sogar körperlich: Herzschlag, Atmung, Gedanken – alles verlangsamt sich. Mein Blick weitet sich, der Geist folgt.

Zwischen Idylle und Social-Media-Hype

Aber der Eibsee war nicht immer so zugänglich. Über Jahrhunderte lebte hier nur eine einzige Fischerfamilie. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der Weg, dann die Zahnradbahn, dann die Seilbahn. Mit der Erreichbarkeit kam die Masse. Heute kämpft die Gemeinde Grainau, zu der der Eibsee gehört, im Sommer mit den Folgen von Overtourism: an Spitzentagen bis zu 9.000 Autos auf 1.200 Parkplätzen, Sicherheitsdienste, Staus, Menschenmassen. Die „Bayrische Karibik“ ist mittlerweile ein international bekanntes Urlaubsziel und Influencer Magnet. Und doch: Im Herbst, in den frühen Stunden, würde man das kaum erahnen. 

Ein Ort für Mensch und Vogel

Die Sonne steht jetzt hoch über den Bergen, lässt die Blätter von Ahorn, Buchen und Birken am Seeufer leuchten – in Gelb, Orange und Rot. Ich sehe das verlassene Strandbad auf der anderen Seite des Sees, aus gelbem und weißem Holz — als stünde es mitten in Skandinavien. Davor nur Wasser, Kies und ein paar Enten und Vögel, die ihre Bahnen ziehen. Im Herbst wird der Eibsee zur Zwischenstation für Zugvögel – eine natürliche Raststätte im großen Netzwerk der Migration. Manchmal sieht man Graureiher oder sogar seltene Gänsearten.

Jetzt entfernt sich der Weg vom Ufer, führt tiefer in den Wald. Ich rieche Pilze, feuchte Erde, Harz. Forschende der Universität Kyoto fanden heraus, dass schon 40 Minuten in einem Wald („Waldbaden“) die Aktivität des Parasympathikus deutlich erhöhen – also jenes Systems, das für Erholung zuständig ist. Das erklärt, warum wir uns nach einem Aufenthalt in der Natur „anders“ fühlen: Unser Körper stellt buchstäblich auf Regeneration um.

Die verborgenen Buchten

Dann biege ich ab. Ein unscheinbarer Pfad führt durch junge Fichten und alte Tannen weiter in den Wald. Hierher verirren sich selbst im Sommer nur wenige Besucher:innen. Der Boden ist uneben, mit Wurzeln durchzogen, umgefallene Baumstämme versperren manchmal den Weg. Ich folge ihm trotzdem vorsichtig über das unebene Terrain, dann steil hinunter zum Wasser. Schließlich stehe ich an meinem Ziel für heute: einen versteckten Uferbereich des Sees, mit geheimen Buchten und kleinen, kniehohen Steinwällen, die den Strand in private Bereiche unterteilen. Windgeschützt, ruhig, glasklares, türkisfarbenes Wasser und das Alpenpanorama eindrucksvoll dahinter.

Ich setze mich, ziehe die Jacke aus. Die späte Vormittagssonne wärmt mein Gesicht. Obwohl die Wetter-App für heute nur 14 Grad angesagt hat, fühlt es sich an wie ein Tag im Spätsommer. Die Sonne, die Windstille und der Föhn – eine trockene, warme Wetterlage, die so typisch für diese Region ist – heben die Temperatur auf eine Art und Weise, die mich immer wieder überrascht. Ich esse meine Brotzeit und genieße die Wärme auf meiner Haut. Dann lese ich ein paar Seiten des Buches, das ich mitgenommen hab — John Muirs „The mountains of California“, ein Klassiker des Nature Writing. Darin beschreibt er die Sierra Nevada: wild, erhaben, transzendent schön und zugleich von einer tiefen inneren Ruhe durchdrungen. Uns trennen 130 Jahre, aber ich habe das Gefühl, genau zu wissen was er meint. 

Ich döse ein, etwas das mir schon lange nicht mehr passiert ist. Als ich aufwache, höre ich Stimmen: Zwei Frauen haben es sich in dem in der kleinen Steinbuch neben mir gemütlich gemacht. Wir unterhalten uns kurz. Sie freuen sich über die kleine Auszeit hier genauso wie ich.

Kälte, Klarheit, Gleichgewicht

Irgendwann gehe ich ins Wasser. Ich bin kalte Temperaturen gewöhnt, und der Eibsee ist durch seine geringe Tiefe – im Durchschnitt 15 Meter – für einen Alpensee erstaunlich mild. Im Sommer hat er oft über 20 Grad und kühlt im Herbst nur langsam aus. Das Wasser ist angenehm kühl und so klar, dass ich meterweit in die Tiefe blicken kann. Danach fühle ich mich frisch und munter, während ich die letzten Wassertropfen auf meiner Haut in der Sonne trocknen lasse.

An diesem Herbsttag kann ich fühlen, welche Magie
den Eibsee ursprünglich so berühmt gemacht hat.

Am frühen Nachmittag trete ich den Rückweg an. Jetzt sind mehr Menschen unterwegs. Wanderer, Paare mit Hunden, Familien, Kinder die Stöcke und Steine sammeln. Ich wollte eigentlich zügig gehen, aber an jeder Bucht bleibe ich trotzdem kurz stehen. Das Licht hat jetzt eine andere Qualität – wärmer, weicher, goldener. Ein Kanu gleitet über das Wasser, Stimmen hallen leise. Jemand sagt: „Ach, ist das wunderbar.“ Und ich nicke innerlich. Ich setze mich ein letztes Mal ans Ufer. Das Wasser glitzert, die Menschen um mich herum wirken so entspannt wie ich. Schönheit ist messbar – nicht in Zahlen, sondern in dem, was sie mit uns macht: die Weite im Kopf und Wärme im Körper. Das Gefühl, dass alles gut ist, genauso wie es ist.

Lest mehr von Ninas Mikroabenteuern und schaut euch ihren Beitrag Kurztrip mit Dachzelt – Soloabenteuer für die Seele im Herbst an. Oder schaut in Simones herbstliche Lieblingswanderrouten im im Harz an.

Habt ihr schon mal diese Eibsee Wanderung im Herbst gemacht? Konntet ihr es wie Nina genießen? Erzählt uns davon in den Kommentaren!

Über die Autor:in

Nina Holle

Nina ist Coach, Autorin und Wirtschaftsethikerin. Privat findet man sie oft auf Abenteuern mit ihrer Familie oder bei einem Solotrip mit Dachzelt und SUP.

Wilder
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