
Community Story
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Crossing Madeira – Allein mit Zelt von Ost nach West
Später, wenn die Kinder groß sind, dann wartet das Abenteuer. Dann würde ich nahtlos an meine wilden Jugendjahre anknüpfen, die Wüsten dieser Welt durchwandern, ferne Länder bereisen und unterm Sternenzelt mein Zelt aufschlagen. Nun bin ich 45, das jüngste meiner vier Kinder ist 15 und es gibt keine Ausreden mehr. Später ist jetzt. Etwas übermütig habe ich mir einen Flug nach Madeira gebucht, um allein die Insel zu durchwandern. Von Ost nach West, ca. 105 km, knapp 7.000 hhm. Zuhause auf der Coach eine reizvolle Idee, doch je näher der Abflug rückt, desto unsicherer werde ich. Aber ich wollte ja Abenteuer, oder nicht?
Abflug mit Adrenalin
In der Nacht vor Abflug schlafe ich kaum. Jedes Mal, wenn ich allein verreise, stehe ich an diesem Punkt: Ich entwickle irrationale Ängste vor dem Unbekannten, dem Alleinsein und vor dem Abenteuer, nach dem ich mich doch so sehr sehne. Ängste der rationalen Art könnte man dagegen beim Landeanflug auf Madeira entwickeln: Der Flughafen gehört zu den gefährlichsten der Welt – Pilot:innen, die hier landen möchten, brauchen eine spezielle Ausbildung. Zum ersten Mal verstehe ich den frenetischen Applaus nach einer Landung, auch ich klatsche mir die Anspannung von der Seele, die sich beim Anblick der kurzen Landebahn entwickelte.

Beim Landeanflug ist Madeira in dicke Wolken gehüllt, nur ganz oben stechen die bizarren Bergspitzen des Pico Ruivo und des Pico Areeiro aus den Wolken. In zwei Tagen werde ich auf diesen Berggipfel stehen, unter mir das Wolkenmeer. Ein feiner Nieselregen begrüßt mich, doch immerhin ist es wärmer als im winterlichen Deutschland. Ein Taxi bringt mich zu meinem Hostel – für die erste Nacht habe ich mich gegen das Zelt entschieden. Es ist dunkel als ich ankomme, der Nebel ist dick und nur die Schreie der Möwen verraten, dass das Meer nicht weit sein kann.
Dschungel-Feeling statt Schwarzwaldidylle
Früh am Morgen klingelt mein Wecker. Bei Dämmerung und Nieselregen wandere ich erst ein Stück am Meer entlang und dann bergauf. Das Gewicht des Rucksacks zieht an mir und zwingt mich, immer wieder Pausen zu machen. Der Tag ist feuchtwarm und ich kann kaum noch unterschieden, ob es mein Schweiß ist oder die Nässe aus den typisch madeirenischen Wolken, die getrieben vom Nordostpassat meist im Norden der Insel hängen bleiben und abregnen. Ich wandere durch meterhohen Farn, der Nieselregen rauscht auf das Grün der Blätter, läuft mir trotz Cape in den Nacken und durchnässt meine Schuhe. Der Schwarzwald ist mein Zuhause, doch dieser Wald hier hat wenig mit den Wäldern zu tun, die ich kenne. Ich fühle mich wie im Dschungel. Nach vier Stunden fällt mir auf, dass mir die ganze Zeit über keine Menschenseele begegnet ist.




Camping auf Madeira: Risiko trifft Freiheit
Ich überlege, wie lange es wohl dauern würde, bis mich jemand findet, wenn ich mir auf den nassen und rutschigen Wegen den Knöchel verstauche. Wäre es vielleicht doch besser, in Gesellschaft unterwegs zu sein? Doch ich genieße die Freiheit. Es tut gut, auf Niemanden Rücksicht nehmen zu müssen, dann Pausen zu machen, wann es mir beliebt und mein eigener Boss zu sein. Nach fünf Stunden begegnen mir die ersten Wandernden. Der Regen hat aufgehört, erste Sonnenstrahlen blitzen durch das Blätterdach. Mittlerweile bin ich im Forstpark Riberio Frio angekommen. Knapp 30 km und 1.400 hhm liegen hinter mir. Hier werde ich heute mein Zelt aufschlagen. Wer nur mit dem Zelt unterwegs ist, darf auf einigen ausgewiesenen Plätzen mit einer Genehmigung wild und kostenfrei campieren. Die meisten dieser Plätze sind ohne Toiletten und bieten einfach nur einen mehr oder weniger großen geraden Untergrund.

Zelten auf Madeira: Auf Madeira gibt es einige offizielle Campingplätze in der Natur, die kostenlos sind, aber Wildcampen ist verboten. Man muss vorher hier online eine kostenlose Genehmigung reservieren und einen bestimmten Platz auswählen.
Aufstieg zum Himmel über Madeira
Am Übernachtungsplatz treffe ich einen jungen Österreicher mit dem gleichen Plan, wie ich: morgen früh bei Sonnenaufgang auf dem Pico Areeiro (1.818 hhm) zu stehen. 9 km und 600 hhm trennen uns vom Berggipfel. Ich habe meine Taschenlampe vergessen, er hat Angst alleine im Dunkeln zu wandern, wir sind das perfekte Team. Im Dunkeln bauen wir die Zelte ab, zwei Stunden haben wir bis zum Sonnenaufgang. Wir wandern zügig. Je heller es wird, desto mehr Autos fahren die Straße hinauf. Der Sonnenaufgang auf dem Pico Areeiro ist ein Erlebnis der besonderen Art und einfach per Auto zu erreichen. Als wir kurz vor Sonnenaufgang oben ankommen, ist der Parkplatz rammelvoll. Doch trotz der Menschenmassen ist das Auftauchen der Sonne aus dem Nebelmeer einfach magisch. Dafür hat sich der Marsch durch die Dunkelheit gelohnt.


Der vor mir liegende Abschnitt gehört zu den schönsten Touren, die man auf Madeira wandern kann: Vom Pico Areeiro auf den Pico Ruivo, dem mit 1.862 Metern höchsten Berg Madeiras. Das sind ca. 5 km Wanderung durch eine unwirklich erscheinende Bergwelt. Auf schmalen, teils kettengesicherten Pfaden, durch Tunnel und immer hoch über den Wolken geht es entlang der höchsten Gipfel Madeiras. Der Weg zum Pico Ruivo ist anstrengender als gedacht. Es geht entweder steil bergab oder steil bergauf über Leitern, Treppen und schmale Passagen. Die Sonne brennt hier oben gnadenlos.

Crossing Madeira –
Ost nach West



Abenteuer, später?
Am Pico Ruivo gibt es eine winzige Herberge, die Casa de Abrigo Pico Ruivo, die wie ein Geiernest zwischen den Felsen klemmt. Ich wollte eigentlich noch weiter. Doch als ich oben erfahre, dass es für nur 25 € ein Einzelzimmer, eine Dusche und ein gemütliches Bett gibt, werfe ich meine Pläne über Bord. Nach der Nacht im Zelt genieße ich den unerwarteten Luxus einer Dusche. Ich stelle mein Gepäck ab und wandere die restlichen 15 min zum Gipfel. Dort oben sitze ich, über den Wolken, genieße die Stille und Weite. Ich erinnere mich an meinen Vater, der vor vier Wochen gestorben ist. Er wurde nur 71 Jahre alt und er hatte noch so viel Pläne. Hier oben fühle ich mich ihm nahe. Es ist wichtig, Abenteuer und Pläne nicht zu verschieben.

Am nächsten Morgen stehe ich wieder vor Sonnenaufgang auf. Wieder erwartet mich ein Sonnenaufgang der Superlative. Mein Weg führt unaufhörlich auf und ab, ich höre Podcasts um mich von der Anstrengung abzulenken. Auf der Karte sah die Strecke kürzer aus, doch ich werde immer wieder mit fantastischen Aussichten belohnt. Ich sehe das Meer auf beiden Seiten der Insel. Beobachte Wolkentürme und Nebelschwaden und komme schließlich am Boca de Encumeada an. Die letzte und erste Gelegenheit für ein warmes Essen und ein Glas Weißwein.
Den richtigen Platz finden
In ein paar Stunden wird es dunkel sein. Für die Nacht habe ich wieder einen dieser kostenlosen Campgrounds gebucht. Der Weg dorthin führt an Wasserfällen vorbei durch den Dschungel, durch die Wolken. Eine längerer Abschnitt führen durch Tunnel mit Wasserläufen, den berühmten Levadas. Ich bin froh, nicht mehr in der prallen Sonne zu wandern. Doch der Zeltplatz entpuppt sich als finsterer Ort neben einem verlassenen Haus. Hier fühlt es sich nicht gut an. Ich habe gelernt, beim Alleinreisen auf mein Bauchgefühl zu achten. Drei Holländer, die ich bereits ein paarmal getroffen habe, wandern vorbei und erzählen mir, dass sie ihre Zelte weiter oben aufschlagen wollen. Nochmal 5 km und 400 hhm bergauf. Ich schließe mich den Dreien an und wir erreichen im Licht der untergehenden Sonne unseren Zeltplatz.


Vom Feenwald ans Meer
Nun bin ich schon weit mehr als 75 km gewandert und kann ohne weiteres morgen Abend das Ostende der Insel erreichen – nur noch knapp 30 km. Sicher, man könnte hier oben noch den ein oder anderen Schlenker einbauen. Aber mich zieht es ans Meer und so führt mich der Weg am nächsten Tag durch Lorbeerwälder bis Fanal. Auf der Hochebene stehen uralte Bäumen, der Wald wird im Volksmund auch Feenwald genannt. Nebelschwaden ziehen immer wieder durch die Stämme und vermitteln eine magische Stimmung. Jetzt geht es nur noch bergab, mehr als 1.000 hhm. Meine Knie schmerzen. Kurz vor Porto Moniz treffe ich ein junges Mädchen, das gerade startet. Die Abenteuerlust funkelt in ihren Augen. Sie freut sich, mich zu sehen: Sie sieht eine ältere, leicht übergewichtige Frau, die es geschafft hat. Dann kann sie es auch schaffen. Immer leichter wird mir, je näher ich dem Meer komme. Hier schlafe ich auf einem der wenigen „echten“ Campingplätze. Nur vier Tage. Ich habe es geschafft. Solche Touren kosten zwar Kraft, aber sie geben sie auch. Mentale Kraft.

Ausklang auf Madeira
Am nächsten Morgen nehme ich einen Bus nach Funchal und von dort weiter nach Canical, denn um die Insel wirklich vollständig überquert zu haben, fehlt mir die Wanderung auf den letzten Zipfel im Osten. Ein letztes Mal schlafe ich draußen, ein letztes Mal sehe ich mir den Sonnenuntergang an. Sieben Tage allein genügen mir – Ich freue mich auf meine Kinder, meine Freunde und meinen Partner. Zwar sind Blasen an meinen Füßen, die letzte Nacht im Zelt war alles andere als komfortabel und ich spüre meine Knie, meine Waden und meinen Rücken. Aber ich fühle mich freier und mutiger. Ich denke an das junge Mädchen, das ich am Ende meiner Wanderung getroffen habe. Sie erinnerte mich an mein jüngeres Ich, das voller Entdeckergeist in die Welt zog. Damals. Heute bin ich älter, etwas vorsichtiger vielleicht, ich kenne meine Grenzen. Aber ich habe es nicht verlernt, das abenteuern.
Wart ihr auch schon mal auf Madeira unterwegs oder habt Fragen zur Wanderung? Schreibt es in die Kommentare!