
Community Story
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Wilde Wechseljahre – Vanlife, Tiny House und Lebensgefühl mit 45
Der See in Südfinnland liegt spiegelglatt vor mir. Es ist kurz nach sechs, die Welt schläft noch, mein Kaffee dampft in der Kühle des Morgens – und ich heule wie ein Schlosshund. Ich sitze an unserem Stellplatz direkt am Wasser, noch fast am Anfang der fünfwöchigen Reise durch Finnland und Schweden, und will am liebsten jetzt schon alles hinschmeißen. Willkommen in den Wechseljahren.

Vanlife, Wechseljahre und dann auch noch ein Miny Tiny House?!
2019 packte mich der Vanlife-Traum und führte zum Kauf meines T4, einem einfachen VW Transporter. Kaum hatte ich meinen Bus, war ich surfen in Frankreich, campen in Dänemark, lebte das klassische Vanlife: fahren, campen, weiterfahren. Durch meinen Job für ein großes Filmfestival war ich in den Sommermonaten frei und konnte das neue Leben erstmal in vollen Zügen auskosten. Mein fester Wohnsitz war zu dieser Zeit noch in Berlin, durch einen Zufall fand ich einen wunderschönen Wald- und Naturcampingplatz nicht weit außerhalb der Stadt – mein Zufluchtsort, wenn ich nicht auf Reisen war. Mittlerweile steht dort auch ein Mini Tiny House (12qm), das von Mitte Mai bis Mitte September mein zweites Zuhause ist: In dieser Zeit unterrichte ich auf dem Campingplatz jedes Wochenende Yoga, gebe im Sommer Retreats oder arbeite am Camping-Schreibtisch. Jedes Frühjahr, meist im April oder Mai, breche ich für einen Monat mit dem Van auf. Meine bisher längste Tour war eine fünfwöchige Umrundung der Ostsee, von Deutschland über Dänemark, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen zurück nach Hause.


Reisen in den Wechseljahren: die Stimmung wechselt schneller als die Landschaft
Zurück an den See in Finnland. Mit fast 46 ist mein Zyklus alles andere als regelmäßig und mit PMS kämpfe ich schon lange. Seit 1-2 Jahren allerdings auf einem neuen Level: Die ersten zwei Wochen bin ich voller Energie, danach geht es spürbar abwärts. Obwohl ich in dem Moment mit meinem Kaffee am Wasser genau wusste, dass meine Hormone dafür verantwortlich waren, dass ich mal wieder alles hinwerfen wollte – meine Selbstständigkeit, meine Freiheit, das Leben, das ich mir nach meinen Wünschen aufgebaut hatte – war ich unglaublich genervt, mich so zu fühlen. Ich wollte Reisefeeling und Leichtigkeit, nicht die Zweifel, die mich monatlich auch zu Hause überrollten. Mir war alles zu viel – und vor allem mich selbst konnte ich kaum aushalten. Zwei Tage später war alles wieder gut und zwei Wochen später wanderte ich voller Energie am Polarkreis entlang. Da mein Partner mitreist, verlangt uns beiden diese emotionale Achterbahn einiges ab: mir Selbstregulation, ihm Geduld, uns beiden viel Austausch. Die Wechseljahre sind ein Transformationsprozess, und zu zweit in einem kleinen Bus unterwegs zu sein ist mit so massiven Stimmungsschwankungen definitiv eine neue Herausforderung.


Der Kaffee aus der Bialetti, morgens am See. Selbstbestimmt in den Tag starten, das will ich nicht mehr missen – egal ob im Van in Skandinavien oder im Holzwagen auf dem Campingplatz.

Symptome in den Wechseljahren und wie sie meine Art zu reisen beeinflussen
Mit den Wechseljahren hatte ich mich schon länger beschäftigt, hatte darüber gelesen, recherchiert, mit anderen Frauen gesprochen. Ich wollte wissen, was auf mich zukommt, doch zwischen Wissen und Spüren liegt ein Unterschied. Bei mir begann es mit Reizbarkeit, dann kamen die Stimmungsschwankungen dazu, die mich manchmal von einer Stunde auf die andere kippen lassen. Ich hatte mit „typischen“ Symptomen, wie Hitzewallungen und Schlafstörungen gerechnet, die mich bisher verschonen – dafür kamen vor zwei Jahren Gelenkschmerzen hinzu, derentwegen ich meine Ernährung komplett umgestellt habe. Seit ich mich größtenteils anti-entzündlich ernähre und viel Hirse, Couscous, Dinkelnudeln, Tofu, Gemüse und Hülsenfrüchte esse, sind die Schmerzen zum Glück deutlich besser geworden. Mein Partner hat sich an meine Wechseljahre-Campingküche gewöhnt, auch wenn die Hülsenfrüchte unseren Bus an manchen Abenden in einen kleinen Konzertsaal verwandeln.
Was mir insgesamt am meisten hilft, ist, die Symptome nicht wegzudrücken, sondern ihnen Raum zu geben. Meine Bedürfnisse haben sich extrem geändert: Früher habe ich es geliebt, Städte zu erkunden und mich abends in lokalen Kneipen unter die Einheimischen zu mischen. Mittlerweile habe ich auf lebendiges Treiben nur noch selten Lust und wandere lieber stundenlang durch die Natur.
3 Tipps für Reisen in den Wechseljahren
- Ehrlich und nachsichtig mit sich selbst sein und regelmäßig reinspüren: Worauf hab ich wirklich Lust?
- Anti-entzündliche Gerichte kochen, geht auch im Van super easy
- Reisen mit dem Zyklus planen! Wenn der Zyklus nicht mehr planbar ist: flexibel bleiben.
Yogapraxis als Anker – auch ohne Studio
Yoga ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, aber durch meinen Outdoor-Lifestyle gehe ich nicht mehr regelmäßig ins Studio. Ich brauche meine Praxis, um mich gut zu fühlen, passe sie aber ans Draußensein, Wetter und meine Stimmung an. Nach vielen Regentagen gibt es eine kräftigende Praxis, um wieder in den Körper zu kommen, dafür Morgens am See, oft vor dem ersten Kaffee, nur fünf Minuten stille Meditation. Bei innerer Unruhe helfen mir yogische Atempraktiken oder nach einer langen Wanderung eine kurze Dehn- und Atemsequenz auf meiner Matte vor dem Van. Was ich früher nach einem langen Bürotag als Pflichtprogramm abgehakt habe, ist heute eine Praxis geworden, die mich fast täglich begleitet.

Viele Frauen denken, sie sind zu alt
In meinen Retreats begegne ich immer wieder Frauen, die offen sagen, dass sie mich um meine Art zu leben beneiden. Auf der einen Seite würden sie gerne freier leben, auf der anderen Seite spüren sie Verpflichtungen, die sie ausbremsen: das Haus oder die Wohnung, die noch abbezahlt werden, der Job, für den sie Verantwortung empfinden, Kinder, die noch bei ihnen wohnen oder die Befürchtung, dass der Partner nicht mitzieht. Gleichzeitig höre ich oft von der Angst, dass es für ein freieres Leben zu spät sein könnte, wenn die Kinder irgendwann aus dem Haus sind. Im Grunde ist es oft die Angst davor, zu verpassen, noch eine andere Version von sich selbst zu leben.
Ich verstehe die Sorge, irgendwann zu alt zu sein, aber muss immer auch ein bisschen schmunzeln: Mit fast 46 habe ich mein Leben radikaler verändert als mit 30. Das ist ja das Schöne an den Wechseljahren: Man traut sich selbst mehr zu und bekommt eine wundervolle Klarheit über die eigenen Wünsche! Auch mit 50 kann man das Leben nochmal neu gestalten, hat man doch oft sogar eine ganz andere Freiheit, als mit 30. Irgendwann sind die Kinder groß und die Karriere vielleicht auch abgehakt. Man muss ja auch nicht sofort das ganze Leben nach draußen verlagern – manchmal reicht es schon, sich ein bisschen mehr zuzutrauen, als man es bisher getan hat.


Wilde Weiblichkeit – Yoga in den Wechseljahren
Kim leitet mit ihrem Format „Wilde Weiblichkeit“ Retreats für Frauen in der Lebensmitte, die Yoga, Nervensystem-Regulation und Naturverbundenheit zusammenbringen. Der nächste Outdoor-Retreat findet vom 7. bis 10. September 2026 am Wald- und Naturcampingplatz am Tonsee statt und wird als Präventionskurs von den Krankenkassen bezuschusst.
Ich persönlich bin näher an dem Leben dran, das ich leben will, als je zuvor. Draußen von April bis Oktober, beruflich angekommen als Yogalehrerin mit eigenem Studio und tollem Team, mit wachsender Freude an der Arbeit mit Frauen in der Lebensmitte in meinen Retreats. In ein paar Jahren will ich mein Team so aufgestellt haben, dass ich das Studio auch mal länger allein laufen lassen kann und die kältesten Wintermonate mit dem Van in Süditalien verbringen kann – eine schöne Idee, oder? Danke, Wechseljahre!

Was sind eure Tipps für das Reisen in den Wechseljahren? Schreibt es in die Kommentare!
Ich fühle genau das und nehme auch so viel mit aus diesem Artikel. Was mich glücklich macht, ist, dass Kim mit ihrem Leben beweist: Ja, die Symptome sind da, sie nerven und stressen ab und zu, und wir können uns besser um uns kümmern in der Zeit und uns unterstützen. Aber vielleicht hören wir grade jetzt mehr hin, um herauszufinden, was wir eigentlich brauchen, um das Leben so ausrichten zu können, dass es noch besser zu uns passt.
Hülsenfrüchte-Konzert klingt super, und auch nach einem Tipp für die Wechseljahre: akzeptieren, was ist und rauslassen, was raus muss, weil Zwänge loslassen 🙂
Ein wirklich schöner Artikel! Und ich musste schmunzeln, als ich unser Acro-Foto entdeckt habe 😊
🌸
Großartiger Artikel Kim! Du sprichst mit aus der Seele. ❤️❤️
Ich kann mich in vielem wiederfinden – die Stimmungsschwankungen, das veränderte Bedürfnis nach Ruhe statt Trubel kenn ich gut. Unsere Reise gerade sieht ganz anders aus – 2120 km mit dem Zug, mit minimalem Gepäck quer durch Norwegen. Die letzten Tage habe ich jeden Tag Yoga praktiziert und spüre, wie gut mir das tut – auch weil ich selbst gerade mitten in der Perimenopause stecke und einiges spüre. Die Herausforderung wird sein, das im Alltag zu Hause beizubehalten, das fällt mir sonst schwer.
endlich ein Artikel auf dem Lifestyle Niveau – für unsere reiferen Gemüter. Herzlich gut, dankeschön
Schön, dass du dich darin wiederfindest, Marie! Welche Themen wären für denn für deine Altersgruppe noch interessant?